Kritik zu Escobar – Paradise Lost

Trailer englisch © Verleih

Eine Reise ins Reich des berüchtigten Pablo Escobar, erzählt aus der Perspektive eines unbedarften jungen Surfers, der in den Bannkreis des Drogenhändlers gerät – mit Benicio del Toro in der Titelrolle

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Dass Pablo Escobar einer der mächtigsten Drogenhändler der Geschichte war, ein brutaler Massenmörder und einer der reichsten Männer der Welt, ist allgemein bekannt. Doch er wurde auch als Politiker ins kolumbianische Parlament gewählt, wurde und wird bis heute in Kolumbien mancherorts verehrt als Wohltäter, der den Armen Hoffnung auf ein besseres Leben gab. Das Regiedebüt des italienischen Schauspielers Andrea Di Stefano will auch die weniger bekannten Seiten des Drogenbarons beleuchten, freilich eher schlaglichtartig, ist es doch trotz seines Titels kein Biopic, sondern die Geschichte einer Verstrickung.

Die Figurenkonstellation erinnert an Kevin Macdonalds Der letzte König von Schottland, in dem ein schottischer Arzt in den Bann des ugandischen Diktators Idi Amin gerät. Hier ist es, lose inspiriert von wahren Begebenheiten im Umfeld Escobars, die Geschichte des jungen Surfers Nick aus Kanada, der in den 80er Jahren an der kolumbianischen Küste eine Surfschule aufbauen will. Seinem Traum vom Paradies scheint er noch näher zu kommen, als er dort eine bezaubernde Frau kennen lernt – Maria, eine Nichte Escobars. Seine große Liebe führt den naiven Nick in die Familie des Drogenbarons ein, der auf den ersten Blick der freundlich-leutselige Patriarch seines weitverzweigten Clans und darüber hinaus ein Stifter von Krankenhäusern und Schulen ist. Die blutigen Fundamente seines Reichtums enthüllen sich Nick erst nach und nach, während er bereits mit Maria auf Escobars Luxusanwesen lebt und selbst immer tiefer in dessen Machenschaften verstrickt wird. Erst als der Drogenkrieg mit Hunderten von Morden eskaliert, wollen Nick und Maria fliehen, doch da ist es vielleicht zu spät: Escobar plant, sich den Behörden zu stellen, will zuvor aber seine Reichtümer in Sicherheit bringen und »bittet« Nick um einen Gefallen mit furchterregenden Konsequenzen.

Etwas ungeschickt mutet die Schachtelkonstruktion des Films an, der dieses Spannungsmoment zur Klammer für eine lange Rückblendenfolge macht. Stünde nicht am Anfang schon eine Situation, in der jede Illusion verloren ist, wäre die Erzählung vom »verlorenen Paradies« vielleicht noch eindringlicher geworden. Doch vor allem in seiner bewegten, mit harscher Intensität inszenierten zweiten Hälfte läuft Escobar zu großem Spannungskino auf, auch dank Josh Hutcherson, der seine Figur trotz ihrer Verblendung zum Sympathieträger werden lässt. In der ersten Hälfte ist es vor allem Benicio del Toro, der den Film beherrscht, mit der Bedrohlichkeit eines Raubtiers hinter einer Maske aus Jovialität und Sentiment. Durch Del Toros vielschichtige Darstellung blickt man in einigen Momenten in ein faszinierendes Zwielicht: das Böse, das sich selbst als Gutes betrachtet, und für das Gewalt nun mal ein Naturgesetz ist. Während der Film manches andere allzu fahrig skizziert – beispielsweise Nicks und Marias Beziehung –, sind es vor allem die Szenen zwischen Nick und Escobar, die nachwirken und ihn über seine Thrillerqualitäten hinaus zu einem klugen Film über moralische Abgründe machen, nicht zuletzt jene der Naivität.

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