Kritik zu Ema

© Koch Films

Die Geschichte einer jungen Tänzerin, deren kleine Familie zerbricht, wird im neuen Film des Chilenen Pablo Larraín zu einem Rausch aus Schmerz, Musik, Tanz und befreiender Pyromanie

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Schon in den ersten Minuten zieht »Ema« den Betrachter mit beunruhigend schönen Bildern in seinen Bann: Eine brennende Ampelanlage über einer nächtlichen Großstadtstraße, nicht weit davon eine junge Frau mit Helm und einem Gerät am Körper, das eher ein Flammenwerfer denn ein Feuerlöscher zu sein scheint. Dunkle menschliche Silhouetten auf einer Bühne, und hinter ihnen pulsiert die gigantische Projektion des Sonnenrunds, ein Flammenmeer, das von Blau zu Rot und wieder zu Blau wechselt. Sofort etabliert der Film seine eigene, sehr eigensinnige Wirklichkeit, in der die Feuermetapher ein zentraler Bestandteil ist, obwohl so manche Szene gar nicht metaphorisch, sondern roh und realistisch daherkommt, von gesellschaftlichem Druck und persönlichem Schmerz erzählt. Zwischen zwei Extremen bewegt sich »Ema« – der Film wie auch seine Titelfigur: lähmende Trauer und ekstatische Befreiung.

Diese Titelfigur, die eigentliche flammende Sonne im Zentrum des Films, ist eine selbstbewusste junge Tänzerin mit platinblondem, nach hinten gekämmtem Haar: Ema, umwerfend gespielt von Mariana di Girólamo, deren Gesicht ohne viel mimischen Aufwand intensiv von Verlorenheit wie von Triumph und Glück erzählt, und ihr Mann Gastón, Choreograph – ebenfalls sehr stark: Gael García Bernal – arbeiten in derselben Tanz-Compagnie. 

Die Geschichte der beiden erschließt sich erst nach und nach. Man muss die Puzzleteile, vor allem in der ersten halben Stunde achronologisch montiert und von hypnotischen Tanzszenen unterbrochen, erst selbst in eine zeitliche Ordnung bringen: Ema und Gastón können keine eigenen Kinder bekommen, haben aber den kleinen Polo adoptiert – einen schwierigen, unberechenbaren Jungen, den sie dennoch innig lieben. Als er jedoch Emas Schwester schwer verletzt, beschließt Ema in ihrer Verzweiflung, ihn wieder wegzugeben. Eine Entscheidung, die in ihrem Umfeld auf Unverständnis stößt und bald auch zum Zerwürfnis mit Gastón führt. Vorwürfe und Konflikte, soziale Ächtung und tiefe Schuldgefühle prägen Emas Leben in der Folgezeit. Doch irgendwann obsiegt ihre Lebenslust: Eine eingeschworene Mädchenbande, Affären mit Männern und Frauen, der wilde Tanz in den Straßen sowie last but not least ein mächtiger Flammenwerfer markieren ihren Weg der Befreiung aus den gesellschaftlichen Zwängen und ihrer Depression. Es ist ein anarchischer Weg zur Liebe und zu neuer Gemeinschaft.

Sicher lässt sich darüber streiten, wie sinnhaft die Fragmentierung dieses radikalen, doch relativ übersichtlichen Plots ist, doch der Effekt, die anfängliche Desorientierung des Betrachters, hilft dabei, sich dem Fluss und der Eigenlogik der berückenden Bilder zu überlassen, die sich dann in mehreren rauschhaften Montagesequenzen völlig frei in Zeit und Raum bewegen.

Pablo Larraín, einer der profiliertesten chilenischen Filmemacher, hat sich bislang in Filmen wie »Tony Manero« und »No« mit zeitgeschichtlichen Themen auseinandergesetzt, insbesondere mit den Abgründen der Ära Pinochet in seiner Heimat, zuletzt im dreifach Oscar-nominierten Jackie auch mit dem Nachspiel des Mordes an John F. Kennedy. Seinen neuen Film hat er in der chilenischen Küstenstadt Valparaiso angesiedelt, wo er zugleich in die Welt des Reggaeton Dance eintaucht. Die Musik verleiht dem Film seinen Rhythmus und seine zwischen Laszivität und Revolte schillernde kraftvolle Atmosphäre.

Etwas Dunkles schwingt in diesem eigenartigen Musical jedoch auch immer mit, eine Ahnung von Gefahr und Trauma, nicht zuletzt verkörpert von jenem geheimnisvoll bleibenden Jungen Polo. Neben den Reggaeton-Stücken ist die Tonspur von düsteren, vieldeutigen Sounds geprägt, und es ist gerade diese Widersprüchlichkeit zum lebensbejahenden Tanz und zu den späteren, fast märchenhaften Wendungen in Emas und Gastóns Geschichte, die Larraíns Film seine Intensität verleihen. »Ema« hat mit seiner faszinierenden Protagonistin, seiner eigensinnigen Poesie und seiner Radikalität ganz sicher das Zeug zum Kultfilm.

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