Kritik zu Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

© Alamode

2014
Original-Titel: 
Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Filmstart in Deutschland: 
21.05.2015
P: 
L: 
90 Min
FSK: 
16

Stina Werenfels leuchtet in einem mutigen Film – und mit Sinn für Humor – die Licht- und die Schattenseiten der sexuellen Selbstbestimmung geistig Behinderter aus

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.333335
3.3 (Stimmen: 3)

Zappelige Kinder oder Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) werden häufig mit Pillen »in die Spur« gebracht. Auch die 18-jährige Dora (Victoria Schulz), deren geistige Entwicklung auf dem Stand einer 10-Jährigen stehengeblieben ist, muss Psychopharmaka schlucken. Warum, wird leider nicht ganz klar. Jedenfalls feilt der Neurologe noch mit sportlichem Ehrgeiz an der Feindosierung: »Vielleicht können wir sie noch ein bisschen wacher kriegen.« Als ihre Mutter Kristin (Jenny Schily) die Medikamente unvermittelt absetzt, durchlebt Dora ihr sexuelles Erwachen im Zeitraffer.

Die Schweizer Regisseurin Stina Werenfels schildert hier nach dem gleichnamigen Theaterstück von Lukas Bärfuss die (zunächst) unbekümmerte Entdeckung der Lust in einer gelungenen Mischung aus Psychodrama und Tragikomik. Handwerklich ist das recht ansehnlich. Schräg angeschnittene Bilder mit einem Hauch von Video- und Werbeclip-Ästhetik bebildern die subjektive Sicht von Doras neuer Erlebnisform. Da sie keine Schamgrenzen kennt, tritt die junge Frau mit der Seele eines Kindes bei ihrer ungestümen ­Erkundung in zahlreiche Fettnäpfchen.

Mit Bange verfolgt der Zuschauer, wie sie dabei einem nicht gerade vertrauenerweckenden jungen Mann auf die U-Bahn-Toilette nachstellt. Den Apfel, den sie ihm wie die biblische Eva anbietet, kostet er ungestüm. Es folgt eine brutale sexuelle Begegnung, deren moralische Einordnung zunächst in der Schwebe bleibt. Was gut und böse ist, steht allein für Doras Mutter fest, die den mutmaßlichen Vergewaltiger ihrer Tochter anzeigen will. Bei der Polizeipsychologin betont das vermeintliche Opfer jedoch aus tiefstem Herzen: »Scheidenpimmelchen ist schön!« Es ist nicht das einzige Mal, dass das Publikum in Gelächter ausbricht.

Die freizügig bebilderte Erotik mit einer geistig Behinderten verlangt dem Zuschauer einiges ab. Sollen hier letzte Tabus geknackt werden? Mit dieser Lesart scheint der Film zu kokettieren. Victoria Schulz spielt die an eine Frau mit Downsyndrom erinnernde Figur mit einer unglaublichen sinnlichen Präsenz. Dora startet durch. In einem der schönsten Momente tanzt sie mit ihrem Freund auf der Waldlichtung Pogo – nicht zufällig zur Musik jener Neue-Deutsche- Welle-Band, die einst mit »Tanz den Mussolini« provozierte.

Verkörpert Dora etwa eine von moralischen Zwängen befreite, vermeintlich natürliche Erotik, die »unseren Eltern« aufgrund ihrer »sexuellen Neurosen« verwehrt blieb? Auch gegen diese Lesart scheint der Film sich nicht zu sperren. Wirft doch die Mutter, um selbst einen Exzess wie Dora auszuleben, am Ende auch eine jener Pillen ein, die sie bei ihrer Tochter absetzte.

Obwohl sie scheinbar alles für Dora tun, sind diese Eltern aber eigentlich mehr mit sich selbst beschäftigt. Die Mutter kann sich ihre Eifersucht auf Familien mit nichtbehinderten Kindern nur schwer eingestehen. Sie versucht verzweifelt, noch ein Kind zu bekommen, und ist zunehmend wütend auf ihre unbekümmerte Tochter – besonders als diese auch noch schwanger wird.

Das Projekt Inklusion läuft bei dieser Chaosbewältigung mehr und mehr aus dem Ruder. Dazu trägt vor allem Doras Liebhaber bei. Der gleichgültige junge Mann, gelinde gesagt ein Kotzbrocken, nimmt die juristisch verbriefte Mündigkeit der geistig Behinderten auf zynische Weise ernst: um die Schwangere im Hochzeitskleid kalt lächelnd sitzenzulassen. Als ultimativer Horrorschwiegersohn spielt Lars Eidinger nicht einfach einen Bösewicht. Er verkörpert die Geister, die Doras Mutter rief. Er spiegelt diesen Eltern, die ihre Herkunft aus der Post-68er-Ära nicht ganz verleugnen können, ihre politisch korrekte Botschaft in umgekehrter Form zurück. Dank dieser bitteren Pointe gelingt Stina Werenfels ein unbequemer Film voll schrägem Humor und ohne gut gemeinte Betroffenheit.

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