Kritik zu Die Lebenden reparieren

© Wild Bunch

2016
Original-Titel: 
Réparer les vivants
Filmstart in Deutschland: 
07.12.2017
K: 
A: 
V: 
L: 
103 Min
FSK: 
12

Katell Quillévéré verfilmt mit großer Einfühlsamkeit Maylis de Kerangals Bestseller, der von einer Organspende handelt, die weite Kreise zieht

Bewertung: 4
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Es ist anzunehmen, dass Simon seinen Eltern keine großen Sorgen bereitet hat. Er scheint ein unkomplizierter Junge zu sein, der das Surfen liebt. Der 17-Jährige kann für sich einstehen, er besitzt Charme. Vielleicht war der einzige wirkliche Fehler, den er in seinem Leben beging, dass er an diesem Morgen auf der Rückfahrt vom Meer keinen Sicherheitsgurt trug.

Damit hat er Marianne (Emmanuelle Seigner) und Vincent (Kool Shen) ein schweres Vermächtnis aufgebürdet. Im Krankenhaus in Le Havre wird sein Hirntod festgestellt, es besteht keine Hoffnung, dass er je wieder aus dem Koma erwacht. Der junge Assistenzarzt (Tahar Rahim) bemüht sich, den Eltern gegenüber einfühlsam und taktvoll zu sein. Aber die Frage, die er ihnen dringend stellen muss, kommt viel zu früh. Sie erfüllt ihn mit Scham. Natürlich sind Marianne und Vincent schockiert, als er sie bittet, Simons Körper zur Organspende freizugeben. Ihre Trauer und ihr Zorn sind zu groß, als dass sie augenblicklich zustimmen könnten.

Welche Worte auf dem Weg zur Entscheidung zwischen ihnen fallen, ist in Katell Quillévérés Film nicht zu hören. Die Kamera lässt es dabei bewenden, ihre Blicke und Gesten einzufangen in diesen Momenten bitterer Intimität. Das ist genug; auch um zu zeigen, dass die zerstrittenen Eheleute einander eine Stütze sein werden. Derweil wartet Claire (Anne Dorval) in Paris auf ein Spenderherz. Sie ist unentschlossen, aber ihre Kardiologin drängt sie, ihren Namen auf die Warteliste zu setzen. Die alleinerziehende Mutter ist so schwach, dass sie die Treppen des Konzertsaales hinaufgetragen werden muss, in dem ihre einstige Geliebte auftritt. Als sie sich wiedersehen, erwacht die Zärtlichkeit zwischen ihnen erneut. Vorsicht, mahnt Claire die Freundin, ich habe kein Recht auf starke Gefühle.

Dieser Wechsel der Erzählperspektive findet in der Mitte des Films statt. Erst hadert man damit, denn es fällt schwer, sich von Marianne, Vincent und den anderen zu lösen. Letztere sind wichtig: Die Regisseurin hat ein enormes Talent, auch Nebenfiguren Konturen zu verleihen: dem Chefarzt (Bouli Lanners), der darauf besteht, dass man der Wahrheit ins Auge blickt; der Schwester (Monia Chokri), die die Hoffnung nicht aufgeben will; dem jungen Arzt, der ganz vernarrt ist in den Gesang eines seltenen Vogels aus seiner Heimat im Maghreb. Aber der Film verliert sie nicht aus dem Sinn. Auch an Simon hält er fest, dessen kurzes Leben in Rückblenden heiter aufleuchtet.

Aber zu diesem Zeitpunkt hat der Zuschauer sich längst in das Drama von Claire, ihren zwei Söhnen und der wiedergewonnenen Freundin eingefühlt. Weitere Ärzte gewinnen Kontur. Das Umschwenken der Perspektive ist nötig, es folgt nicht allein medizinischer Logik, sondern einer Idee der mentalen Übertragung. Aus Alexandre Desplats Musik klingt sanfte Unnachgiebigkeit. Quillévéré nimmt sich lyrische Freiheiten, eine Landschaft verwandelt sich in Meereswogen. Diese Poesie färbt ab auf die Operationssequenzen, die sie in schockierender, zuversichtlicher Ausführlichkeit filmt: als eingehaltenes Versprechen an die Lebenden und an den Toten.

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