Kritik zu Die kommenden Tage

© Universal Pictures

Wie wird unsere Welt in ein paar Jahren aussehen, wenn sich einige unserer heutigen Befürchtungen erfüllen? Lars Kraume wagt mit einer eigenartigen Mischung aus Familiendrama und Antiutopie den Blick voraus

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Im 4. Golfkrieg wird um die saudi- arabischen Ölquellen gekämpft, eine gigantische Rezession erschüttert die Weltwirtschaft und Europa ist nun wirklich zur Festung geworden, von einer Mauer umgeben, an der der Grenzschutz »Frontex« die Scharen umherziehender Flüchtlinge aus der Dritten Welt abwehrt, wie einst der Limes das Römische Reich vor den Barbaren schützen sollte. Riesige Lager von Obdachlosen beherrschen das Berliner Stadtbild, es brodelt, Revolution liegt in der Luft, die Terrorgruppe »Schwarze Stürme« legt das Internet lahm, Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizei sind an der Tagesordnung.

Lars Kraumes Vision von den kommenden Tagen könnte kaum düsterer sein. Und doch ist sein Zukunftsszenario gar nicht weit von den heutigen Verhältnissen entfernt. Frontex beispielweise, die Agentur zum Schutz der europäischen Außengrenzen, existiert längst, und auch manch anderes ist lediglich ein paar Schritte über die heutige Entwicklung hinausgedacht. Futuristischer Firlefanz interessiert Die kommenden Tage nicht. Im Zentrum von Kraumes »Science Fiction « stehen vielmehr gesellschaftliche Verwerfungen und menschliche Ängste und Sehnsüchte – und die sind ganz in unserer Zeit verankert und entsprechend geerdet. Die kommenden Tage ist nicht nur Dystopie, sondern auch Familiendrama, Liebesfilm und Terroristenthriller. Und es ist ihm ganz ernst damit, an Lebensläufen Lebensgefühle sichtbar zu machen.

Im Mittelpunkt der sich von 2012 bis 2020 erstreckenden Handlung stehen zwei Schwestern aus gutsituiertem, doch emotional zerrüttetem Elternhaus: die besonnene und ihr privates Glück suchende Laura (Bernadette Heerwagen) und die ältere, ungestüme Cecilia (Johanna Wokalek). Wie in einem klassischen Melodram stellt die Liebe die Weichen für ihre künftigen Lebenswege. Laura verliebt sich in den jungen Anwalt Hans (Daniel Brühl). Es ist eine zunächst glückliche Liebe, die jedoch nach einer Fehlgeburt tragisch scheitert. Aus genetischen Gründen können die beiden keine Kinder miteinander haben. Laura entscheidet sich für ihren Kinderwunsch – und gegen Hans, ohne ihn aber vergessen zu können. Cecilia, die Aufrührerische, gerät an den radikalen Konstantin, mit dem gemeinsam sie in die Terrorgruppe »Schwarze Stürme« eintritt. Es ist eine unglückliche Liebe, in der sie von Konstantin benutzt wird. Geht es Cecilia anfangs (auch) noch um die Lust daran, sich als Teil der Lösung und nicht des Problems wahrzunehmen, bekommt ihr Weg danach einen immer stärkeren Zug ins Finstere, in Gewalt und tiefste Verzweiflung.

Die Entwicklung von Cecilia und Konstantin legt Vergleiche zur ersten Generation der RAF nah – nicht nur wegen Johanna Wokalek, die im Baader Meinhof Komplex Gudrun Ensslin spielte –, und die Konstellation der beiden so verschieden auf ihre Zeit reagierenden Schwestern erinnert natürlich an Margarethe von Trottas Bleierne Zeit. Die kommenden Tage überhöht diese Konstellationen und die Typisierungen der Figuren bis ins Extrem. Überall Symbolismen und Polaritäten: Hier die privatisierende Laura, da die rebellische Cecilia; hier der zuverlässige Vogelliebhaber Hans, da der charismatische, aber skrupellose Manipulator Konstantin.

Wie diese Figuren für divergierende Lebenskonzepte einstehen müssen, ist allzu exemplarisch und lässt kaum Ironie erkennen – vermag aber doch zu faszinieren, denn in der eleganten Verknüpfung der Zukunftsvision mit Melodramaklischees gelingen Lars Kraume zahlreiche zwingende Szenen. Zum Beispiel erstaunlich intime, poetische Momente zwischen Hans und Laura. Oder geheimnisvolle Einblicke in die »Schwarzen Stürme«, irgendwo zwischen obskurer Sekte, Underground-Bohème und Bio-Bourgeoisie vom Prenzlauer Berg. Und die Darsteller schaffen es, ihre teils schablonenhaft angelegten Figuren mit Leben zu erfüllen, allen voran die sehr differenziert spielende Bernadette Heerwagen und August Diehl, der hier herrlich unheimlich agiert.

So viel Raum zum Experimentieren wie bei Lars Kraumes kleinem Film Keine Lieder über Liebe, bei dem munter drauflosimprovisiert wurde, hatte bei dieser aufwendigen Produktion natürlich keiner der Beteiligten. Dennoch spürt man, wie viel Freiraum und Möglichkeit zur Entwicklung Kraume seinen Schauspielern am Set ließ, möglich dank Digitalkamera und 360-Grad-Sets, also in voll bespielbaren Umgebungen. Im Zusammenwirken mit großangelegten Tableaus und genau choreographierten Massenszenen entfaltet das eine beträchtliche Intensität.

Mit seinem Mut zu großen Bildern und weitreichenden Visionen ist Die kommenden Tage ein für deutsche Verhältnisse reichlich ungewöhnlicher Film. Ungewöhnlich auch in seiner Konsequenz, mit der er gesellschaftliche Themen zuspitzt und bei aller Schaulust auf so grundsätzlichen Fragen beharrt wie: Können wir etwas verändern? Sogar zum Guten?

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