Kritik zu Der Himmel wird warten

© Neue Visionen Filmverleih

Auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentation und Fiktion stellt Marie-Castille Mention-Schaar zwei Fallgeschichten über Radikalisierung und die Mechanismen der IS-Rekrutierung nach

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Es gibt eine neue düstere Kraft, die Teenager von ihren Familien entfremdet. Statt RAF und Drogen sind es heute eventuell die Anwerber des IS, die den Jugendlichen ein Werkzeug im Kampf gegen die innere Unsicherheit und Verlorenheit liefern und zur Rebellion gegen ihre Eltern führen. In Frankreich haben sich schon eine ganze Reihe von Filmen mit dem Thema befasst, das in Deutschland bisher vor allem in Zeitungsreportagen ausgetragen wird, zum Beispiel als vor knapp zwei Jahren eine Sechzehnjährige aus Bayern über Istanbul in Syrien verschwand. Marie-Castille Mention-Schaar, die selbst eine 22-jährige Tochter und einen neun Jahre jüngeren Sohn hat, fand das Thema ihres neuen Films in Nachrichtenmeldungen über Eltern, die ihre Kinder verzweifelt suchen. Bald stieß sie dann auch auf Dounia Bouzar, die Eltern in Frankreich bei der Verarbeitung des Traumas unterstützt, die ihnen hilft, Hoffnung zu schöpfen auf der Suche nach den Kindern und im schwierigem Prozess der Entradikalisierung und die ihnen hilft, den Unterschied zwischen Islam und IS zu verstehen.

Dounia Bazar spielt sich im Film selbst, als Signal der feinen Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion, auf dem sich dieser Film bewegt. In der Himmel wird warten kreuzt Mention-Schaar zwei fiktive Fallgeschichten, die sie aus vielen realen Radikalisierungsbiografien destilliert hat: Sonia, die sich in einem schwierigen Prozess unter Hausarrestobhut der Eltern aus dem IS löst, nachdem sie kurz vor der Ausführung eines Anschlags zu Hause festgenommen worden war. Und Mélanie, die sich beim Chatten in einen jungen Muslim verliebt, der sie mit seinen Liebesbekundungen und Heilsversprechen schleichend indoktriniert und aus ihrem bisherigen Lebenszusammenhang herauszieht. Gespielt werden die beiden jungen Frauen von Naomi Amarger und Noémie Merlant, die schon zu den »Schülern der Madame Anne« gehörten, im letzten Film der Regisseurin.

Drehbeginn war zufällig wenige Stunden nach den Pariser Terroranschlägen vom 13. November 2015, wodurch das Projekt eine fast unerträgliche Brisanz bekam. Umso ergreifender ist es, wie ernsthaft und einfühlsam dieser Film die komplexen Zusammenhänge beleuchtet, die fragilen Gefühlswelten der Teenager auf der Suche nach Idealen und Utopien, die panischen Ängste der Eltern (Sandrine Bonnaire, Zinedine Soualem, Clotilde Coureau, Yvan Attal) um ihre Kinder, aber auch die raffinierte Arbeitsweise der IS-Rekrutierung und die Mechanismen der sozialen Netzwerke, die sich die Islamisten zu Nutze machen. Dabei entwickelt die Wärme und ruhige Bedachtsamkeit der Mediatorin Dounia Bazar eine universelle Kraft, die der populistischen Panikmache ein Plädoyer für einen unaufgeregten und differenzierten Umgang mit Islam und Islamisten entgegensetzt. Wie schwer es ist, sich einen Weg durch das Gestrüpp der Gefühle und Strategien zu bahnen, vermittelt die Regisseurin nicht zuletzt auch durch die komplizierte Verflechtung der Erzählstränge und Zeitebenen.

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