Kritik zu Der fremde Sohn

Filmclip © Universal Pictures

Nach dem auf einer literarischen Vorlage basierenden »Mystic River« rollt Clint Eastwood jetzt in seinem neuesten Film den realen Fall eines 1928 verschwundenen Kindes auf

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Mit bebender Unruhe fiebert die junge Mutter dem Moment entgegen, in dem sie nach fünf Monaten der Ungewissheit endlich wieder ihren Sohn in die Arme schließen kann. Ungeduldig rennt sie an der Journalistenmeute vorbei, dem einfahrenden Zug entgegen, sucht voll ungestümer Erwartung unter den Ankommenden, doch dann genügt ein kurzer Blick auf das Kind, das ihr präsentiert wird, um entsetzt festzustellen: »Das ist nicht mein Sohn!« Der ungeheure Affront, der in diesem Moment steckt, breitet sich wie ein tief greifendes Beben über den ganzen Film aus, in dem Clint Eastwood nach »Mystic River« zum zweiten Mal die erschütternde Geschichte eines vermissten Kindes erzählt. Und wie in den meisten Filmen des Schauspieler-Regisseurs wirft auch hier das individuelle, intime Einzelschicksal ein durchdringendes Schlaglicht auf die Gesellschaft und Politik einer Zeit, und rührt an weitreichende und komplexe Fragen von Recht und Moral: Der fremde Sohn ist auch die Geschichte der maßlosen Korruption, die in den zwanziger und dreißiger Jahren in Los Angeles herrschte und von dort bis in die Gegenwart reicht.

Wie bereits »Chinatown« und »L.A. Confidential« zeigt jetzt auch »Der fremde Sohn«, wie leicht und schnell sich die magischen Träume von Hollywood in die harsche Wirklichkeit von Los Angeles verwandeln können. Mit schamloser Dreistigkeit machen sich die Polizisten hier die Wirklichkeit gefügig, als wäre sie nur das Material eines Drehbuchs. Wenn das Polizeidepartment für die Dramaturgie einen glücklich abgeschlossenen Fall benötigt, dann jubeln sie eben mit all ihrer Macht und gegen jeden gesunden Menschenverstand einer Mutter ein Kuckuckskind unter, und wenn diese versucht, sich gegen den Betrug zu wehren, dann wird sie kurzerhand in die Psychiatrie eingeliefert.

Mit seinen 78 Jahren pflegt Clint Eastwood dabei einen Erzählstil, der in bestem Sinne altmodisch und ökonomisch ist. Das fahle kühle Licht, in das Tom Stern die Szenerien von Anfang an taucht, verursacht ein emotionales Frösteln, das in jeden Winkel des liebevoll rekonstruierten Zeitkolorits dringt.

In der Rolle der gebeutelten Mutter Christine Collins, die es so wirklich gegeben hat, spannt Angelina Jolie einen Bogen, der von ihren eigenen Rollen in »Girl Interrupted« bis »A Mighty Heart« reicht, und aller betörenden Schönheit zum Trotz wirkt sie ergreifend verletzlich, ohne Angst vor geschwollenen Augen und hervortretenden Adern. So reiht sie sich ein in die starken Heldinnen im Männeruniversum von Clint Eastwood, die von »Unforgiven« bis »Million Dollar Baby« den stärksten Schicksalsschlägen mit zähem Willen und kämpferischer Kraft trotzen. Und wenn sie sich am Abend der Oscarverleihung von 1935 über den Triumph ihres Lieblingsfilms »It Happened One Night« freut, dann bringt sie allem Kummer und Schmerz zum Trotz einen kurzen, kostbaren Moment lang die Leinwand zum Strahlen.

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