Kritik zu The Death of Stalin

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Keiner traut sich, seinen Tod festzustellen: Der britische Politsatiren-Spezialist Armando Iannucci verfilmt die Intrigen und Ränkespiele im Nachhall von Stalins Tod im Jahr 1953 mit einem grandiosen ­Ensemble als pechschwarze, bitterböse Komödie

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»Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht.« Das Zitat des Dramatikers Eugene Ionesco lässt sich hervorragend auf den Zeitraum anwenden, dem der Regisseur und Autor Armando Iannucci seinen neuen Film gewidmet hat: die Sowjetunion unmittelbar nach dem Tode Stalins. Denn »The Death of Stalin« ist eine Komödie – wenn auch eine pechschwarze –, die ihren Humor aus der allumfassenden Absurdität größtmöglicher, beinahe my­thischer Macht bezieht. Der ­quasi gottgleiche Status, den der Herrscher der UdSSR um sich herum aufgebaut hatte, sorgt nach seinem Tod im Jahr 1953 für schieres Chaos unter seinen engen Vertrauten: Wer wird Stalin beerben? Wer wird auf die Beerdigung eingeladen? Und: Wer vermag es, die Konkurrenten am kaltblü­tigsten auszustechen?

»The Death of Stalin« beruht auf einer Graphic Novel, und diesen Ursprung im Comichaften sollte man mitdenken, wenn man sich auf Iannuccis Historiensatire einlässt. Der Regisseur ist an einer historisch korrekten Nacherzählung oder einem präzisen Porträt des Tyrannen ebenso wenig interessiert wie etwa Dani Levy in seiner Hitler-Farce »Mein Führer«. Ähnlich wie bei Levy, der genialerweise Helge Schneider als Hitler besetzte, liegt die Stärke dieses Films vor allem in seinem Casting: Das zentrale Quartett aus amerikanischen und britischen Schauspielern, die Stalins engste Vertraute verkörpern, harmoniert hervorragend miteinander und setzt sich aus einigen der besten englischsprachigen Komödianten überhaupt zusammen: Steve Buscemi, Jeffrey Tambor, Michael Palin und Simon Russell Beale.

Ihre vier Figuren – Chruschtschow, ­Malenkow, Molotow und Beria –, das macht der Film gleich zu Anfang deutlich, leben ein hochgradig privilegiertes, aber auch ge­fährliches Leben: Als Mitglieder von Stalins Ministerrat dinieren, zechen und scherzen sie ausgelassen mit dem Staatschef; schon ein einziges falsches Wort, ein schlechter Witz aber kann sie auf eine der berüchtigten Todeslisten bringen. Mit lakonischem Humor diktiert etwa Chruschtschow (Buscemi) darum jeden Abend seiner Frau die aktuellen »Dos und Don'ts« dieses inneren Zirkels. Als Stalin dann einen Herzinfarkt erleidet – dessen Auslöser der Film frei erfindet –, ist die Aufregung erwartungsgemäß groß. Diese Anfangsphase, in der Iannucci die Reaktionen der vier Minister auf den Tod ihres Herrn auffängt, ist die beste des Films: Hier treffen die absurde Angst, den Tod Stalins überhaupt anzuerkennen, sowie die bereits leise dämmernde Ambition, seine Position einzunehmen, mit großem komö­diantischem Effekt aufeinander.

Daraufhin verfällt »The Death of Stalin« gemeinsam mit seinen vier Protagonisten in Hektik; der Film nimmt eine hysterische Qualität an, die seinem Plot angemessen sein mag, dem Comedy-Timing aber nicht un­bedingt guttut. Nun steht vor allem die Rivalität zwischen Chruschtschow und dem gnadenlosen Geheimdienstchef Beria (Beale) im Vordergrund; beide schieben die anderen als eher einfältig charakterisierten Figuren auf dem Spielfeld der Macht mit dem Ziel hin und her, selbst an die Spitze des Staats zu gelangen – was, und hier hält sich Iannucci an historische Fakten, am Ende dem von allen unterschätzten ­Chruschtschow gelingen wird, den Steve Buscemi gekonnt als ­Mischung aus ungelenk und kühl kalkulierend interpretiert.

Die Vorwürfe, denen sich ein Film wie »The Death of Stalin« wohl zwangsläufig aussetzen muss – von wegen humoristische Verharmlosung eines Terrorregimes –, laufen hier übrigens ins Leere. Der schottische Autor und Regisseur zielt ganz eindeutig auf ein zynisches Porträt einer bestimmten Form von Macht und deren Auswirkungen ab, wie er es bereits mit anderem Kontext in seinen britischen Politparodien »The Thick of it« und »In The Loop« getan hat. Im Gegenteil krankt seine anglophile Sowjetkomödie beizeiten eher an einer gewissen kleinbürgerlichen Bravheit. Vor allem dank seines spielfreudigen Ensembles aber gelingen ­Iannucci dennoch einige schwer unterhaltsame Sketche.

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