Kritik zu Dead of Winter – Eisige Stille
Emma Thompson erprobt als Hauptdarstellerin in einem Actionthriller neues Terrain: Als rüstige Witwe versucht sie, eine junge Frau aus den Händen zweier Entführer zu befreien, und zeigt, wie gut sie ernsthafte Rollen beherrscht.
Das klingt erst mal ganz spannend: Emma Thompson, die man gemeinhin mit Shakespeare-Adaptionen, gediegenem Arthousekino und Feelgood-Komödien in Verbindung bringt, spielt nach knapp 40-jähriger Karriere erstmals die Hauptrolle in einem Actionfilm. Steht uns ein weiblicher Liam Neeson ins Haus? Der Film trägt den schönen B-Movie-Titel »Dead of Winter«, und die Ausgangssituation ist reizvoll: Thompson spielt eine verwitwete Fischerin namens Barb, die in der verschneiten Einöde Minnesotas die Asche ihres verstorbenen Mannes in ein Eisloch auf jenem abgeschiedenen See schütten möchte, wo die beiden einst ihren ersten Urlaub verbrachten. Dann aber wird sie mitten in der Wildnis Zeugin, wie eine flüchtende junge Frau von einem bewaffneten Mann verfolgt, überwältigt und verschleppt wird. Barbs Versuch, die Frau aus dem Keller einer Waldhütte zu befreien, führt zu einem blutigen Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die zunächst etwas eingerostet wirkende Witwe erstaunliche Überlebensfähigkeiten an den Tag legt.
Thompson verkörpert diesen Part sehr glaubhaft, ohne jeden Anflug von Glamour und ohne den für sie typischen, oft etwas enervierenden Humor. Kampfszenen und Verfolgungen spielen dabei weniger eine Rolle als Thompsons Fähigkeit, ihrer Figur zwischen Verzweiflung, Entschlossenheit und Improvisationstalent eine emotionale Tiefe zu verleihen. Auch die anderen Darsteller des Ensembles sind überzeugend, allen voran Judy Greer als blutrünstige Psychopathin. Der Kameramann Christopher Ross versteht es, der verschneiten Wildnis Minnesotas eine gleichermaßen majestätische wie klaustrophobische Atmosphäre zu geben.
Unterminiert wird das versammelte Talent allerdings von einem Drehbuch, das der wohltuend schlichten Grundidee nicht vertraut und sowohl Barb als auch dem Entführungsopfer und sogar den Entführern tragische Backstorys andichtet, die ihre Motivationen erklären und ihre Schicksale irgendwie verknüpfen sollen. So beginnt »Dead of Winter« als handfester Survivalthriller, wandelt sich dann aber zu einer existenzialistischen Geschichte um Trauer, Todessehnsucht und Überlebenswillen, die mit jeder Wendung hanebüchener wirkt. Die anfangs souverän inszenierte Spannung weicht einer immer hysterischeren Dramatik, bis hin zu einem Finale, das in seiner bierernsten Übertriebenheit auch als unfreiwillige Parodie durchgehen könnte.
So erstaunlich gut Thompson sich als widerwillige Actionheldin macht, fehlt es doch an einer gewissen Konsequenz, wenn es ans Eingemachte geht. Die wichtigste Erkenntnis von »Dead of Winter« ist, dass man sie gerne öfter in ernsthaft dramatischen Rollen sehen würde. Liam Neeson jedenfalls muss sich um seinen Status als »Charakter-Actionheld« keine Sorgen machen.



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