Kritik zu Das schweigende Klassenzimmer

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Lars Kraume widmet sich nach »Der Staat gegen Fritz Bauer« erneut einem Stück deutscher Nachkriegsgeschichte – diesmal auf der anderen Seite der (damals noch nicht gebauten) Mauer. Im Jahr 1956 wagt eine Abiturklasse in Stalinstadt eine Schweigeminute für die Opfer des Ungarn-Aufstands und bringt damit die jungen DDR-Institutionen in Aufruhr

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Die filmische Rekonstruktion der DDR im bundesdeutschen Gegenwartskino ist immer wieder Anlass für hitzige Debatten gewesen. Wurden bei der Komödie »Good Bye, Lenin!« (2003) noch Wolfgang Beckers liebevolle Reminiszenzen an den untergegangenen sozialistischen Staat goutiert, sorgte Florian Henckel von Donnersmarck 2006 mit dem Drama »Das Leben der Anderen« für entschiedene Kritik zum einen an der Hauptfigur des wohlmeinenden Stasimanns und zum anderen an den Details der Ausstattung. Fragen wurden gestellt wie diese: Hätte die Staatsicherheit der DDR ihre Abhörstation tatsächlich wie im Film auf dem Dachboden eines Wohnhauses einrichten können, wo dort doch eigentlich immer die Wäsche der Mieter zum Trocknen aufgehängt wurde? Letztlich lief die Diskussion darauf hinaus, ob ein westdeutsch sozialisierter Regisseur überhaupt das Recht hätte, die Erzähl- und Deutungshoheit über ostdeutsche Lebensgeschichten zu beanspruchen. Heute wirkt das wie ein letztes Aufbäumen einer per Einigungsvertrag angeschlossenen ostdeutschen Herkunftskompetenz. Und vielleicht ist es ja ein Schritt nach vorn, dass weniger nach der Herkunft der Filmemacher gefragt wird als vielmehr nach der ästhetischen Qualität ihrer Arbeit.

In diesem Kontext darf Lars Kraume (u. a. »Der Staat gegen Fritz Bauer«), geboren 1973 in Chieti, Italien, und aufgewachsen in Frankfurt am Main, große Sorgfalt bei der Ausstattung seiner neuen Regiearbeit »Das schweigende Klassenzimmer« bescheinigt werden. Er hat an Originalorten gedreht und damit den Bewohnern einer seit dem Mauerfall 1989 im rasanten Rückbau befindlichen, fast um die Hälfte geschrumpften Stadt nicht wenig Abwechslung geschenkt. Kraumes Film führt nach Stalinstadt ins Jahr 1956. 1961 wurde der Name im Zuge der Entstalinisierung getilgt und durch den Zusammenschluss von Stalinstadt mit zwei kleinen Nachbarorten am 13. November 1961 Eisenhüttenstadt gegründet.

Einen Film hier anzusiedeln, heißt auch, nach der Lebenswirklichkeit in einem Sonder- und Musterfall zu fragen. Man sollte wissen, dass Stalinstadt als Projekt vom Reißbrett und Vorzeigestadt integraler Teil der Anfangsmythen der DDR war: Im Sommer 1950 war mit dem Bau einer Wohnstadt für die Beschäftigten des neu errichteten Eisenhüttenkombinats Ost (EKO) begonnen worden. Werktätige sollten hier wie kleine Fürsten wohnen, und das taten sie anfangs auch in großzügigen, solide ausgeführten »Stalinbauten«. Das Hüttenwerk wurde am Fluss Oder errichtet, um das strukturschwache Ostbrandenburg zu industrialisieren; die Ansiedlung einer so wichtigen Branche an der polnischen Grenze sollte gleichzeitig die Friedensabsicht des jungen DDR-Staates symbolisieren. So lernten es junge Stalinstädter in den zehnklassigen Polytechnischen Oberschulen. Diese dürften bis zur achten Klasse auch die Protagonisten von Kraumes Film besucht haben, die der Zuschauer als Abiturienten der zwölfklassigen Erweiterten Oberschule kennenlernt – im Jahr 1956.

Dieses Jahr war das des Aufstands in Ungarn. Einen Bericht darüber sehen zwei der Abiturienten in einem Westberliner Kino: Vor »Liane, das Mädchen aus dem Urwald« wird die »Wochenschau« gezeigt mit Nachrichten aus aller Welt. Ausgerüstet mit solcherart westlicher Sicht auf die nach DDR-Sicht »Konterrevolution«, die selbstredend »von ausländischen Kräften« befeuert werde, kehren Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) in die Heimat zurück. Spontan wird beschlossen, mit der Klasse eine Schweigeminute abzuhalten für die Toten des niedergeschlagenen Aufstands, darunter den westlichen Medien zufolge Ferenc Puskás, der bewunderte Kapitän der ungarischen Fußballnationalmannschaft (was nicht stimmte). Doch die kleine politische Demonstration der Jungen und Mädchen zieht immer größere Kreise und kann so weder von der Kreissschulleitung noch von höheren Parteifunktionären hingenommen werden – von einem »sagenhaften Ungehorsam« ist schnell die Rede, und den gilt es zu ahnden im Namen des Volkes.

Kraumes Film folgt der Dramatik einer Untersuchung. Lehrer, Schuldirektor und Funktionäre versuchen, die »Anstifter« der Schweigeminute auszumachen in größtenteils infamen Befragungen und Verhören, denen sich jeder der Abiturienten unterziehen muss. Skrupellos greifen die quasi zu Gericht Sitzenden dabei zu Mitteln wie Erpressung, nur logisch fordern sie auch zur Denunziation auf. Natürlich wird versucht, die Klasse zu spalten – die Schüler werden gegeneinander ausgespielt. Sie sind mitnichten alle einer Meinung über den Vorfall. Kraume, Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion, macht seine Protagonisten hier teilweise zu Fallbeispielen und Sprachrohren: Da gibt es etwa den Jungen, dessen Vater als Rotfrontkämpfer unter den Nazis gelitten haben soll und der mit dem Stiefvater, einem Pfarrer, nicht klarkommt, aber auch seine Stiefschwestern, die religiösen Zwillinge. Und der Sohn eines Stahlkochers vom Hochofen sieht sich plötzlich mit der Rolle konfrontiert, die sein Vater beim Arbeiteraufstand 1953 spielte. Es gibt auch einen schwulen Außenseiter (Michael Gwisdek), bei dem die Teenager heimlich Westradio hören dürfen. Der Schuldirektor Schwarz (Florian Lukas) repräsentiert den einstigen Landarbeiter, der dank der Bildungspolitik der jungen DDR studieren durfte und »Neulehrer« werden konnte. Er ermahnt seine letztlich ja nur moderat aufmüpfigen Schüler: »Wir Arbeiter haben zum ersten Mal eine Chance!« Jördis Triebel als Kreisschulrätin Kessler und Burghart Klaußner als Volksbildungsminister Lange haben die undankbare Aufgabe, während der Befragungen knallharte Stalinisten zu verkörpern, die – von Folter einmal abgesehen – mit ihren Verhörmethoden bruchlos ans düsteres Nazierbe anzuschließen scheinen.

Und hier liegt bei aller Plakativität der Figuren das eigentlich Interessante und sehr Beklemmende dieses Films: darin nämlich, wie er die Frage nach dem historischen Gewordensein stellt, indem er die Gegenwart jener frühen DDR-Jahre, das politisch-idelogische Wollen des »ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden« im individuellen Fall erzählerisch mit der Vergangenheit der autoritären Väter und dem »Tausendjährigen Reich« verschränkt und dabei Fragen von Integrität, Loyalität und Verrat auf vielen verschiedenen Ebenen, persönlichen wie übergreifend ethischen, durchdekliniert. Als ihr diese Option indirekt eröffnet wird, begehrt Lena (Lena Klenke) heftig auf: »Ich will mich aber nicht rausreden!« Letztlich ist »Das schweigende Klassenzimmer« ein Versuch über Demokratie. »Das Individuum muss sich fügen, sonst gibt es Anarchie. Ihr seid jetzt Staatsfeinde, weil ihr frei gedacht habt und daraus Taten folgten«, sagt der schwule alte Edgar, bevor er dann bald von der Staatssicherheit abgeholt wird.

»Das schweigende Klassenzimmer« erzählt, mit einigen kleinen Ungenauigkeiten (so gab es in Stalinstadt keine Kirche – als solche wurde eine Baracke genutzt), ein sehr bewegendes Kapitel aus den Zeiten des ­Kalten Krieges, basierend auf den persönlichen Erlebnissen und der gleichnamigen Buchvorlage von Dietrich Garstka – einer der insgesamt 19 ehemaligen Schüler, die 1956 mit einer einfachen menschlichen Geste ­einen Staatsapparat gegen sich aufbrachten. Sie wurden alle der Schule verwiesen – mit der Aussicht, in der DDR niemals Abitur ­machen und studieren zu dürfen. Die meisten von ihnen gingen in den Westen.

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