Kritik zu Der Staat gegen Fritz Bauer

© Alamode

2015
Original-Titel: 
Der Staat gegen Fritz Bauer
Filmstart in Deutschland: 
01.10.2015
A: 
L: 
105 Min
FSK: 
12

Nach »Im Labyrinth des Schweigens« im letzten Jahr kommt jetzt wieder ein Film um den Antifaschisten Fritz Bauer ins Kino. Lars Kraume (»Die kommenden Tage«, »Meine Schwestern«) hat einen nüchternen Verschwörungsthriller inszeniert

Bewertung: 5
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 4)

Ein Sonntag Ende der Fünfziger. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer sitzt am Wohnzimmertisch und wartet auf seinen jungen Kollegen, den er zur Dienstbesprechung zu sich nach Hause gebeten hat. Vom Plattenspieler tönt Tschaikowski, Sinfonie Nr. 6 »Pathétique«. Bauer spielt Schach, allein, dreht das Brett um für den Zug des Gegners. Eine schlichte Szene, aber doch eine Schlüsselszene für die Einsamkeit, die diesen Mann umgibt. Manchmal wirkt er eigensinnig, zu seiner Umgebung pflegt er ein distanziertes Verhältnis. »Wenn ich mein Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland«, soll der echte Bauer einmal gesagt haben.

Bauer wartet auf den Staatsanwalt Karl Angermann, um ihn ins Vertrauen zu ziehen. Der »General«, wie ihn ein Kollege nennt, hat Wind davon bekommen, dass sich Adolf Eichmann, der Organisator des Holocaust, in Argentinien aufhält. Die Kollegen vom BKA und vom BND will er nicht darauf ansetzen, weil er weiß, dass sie mit alten Nazis durchsetzt sind. Man spürt als Zuschauer förmlich die Schlinge, die um Bauers Hals liegt. Der BKA-Mitarbeiter Gebhardt animiert einen Polizeibeamten, ein paar Schlaftabletten verschwinden zu lassen, als Bauer bewusstlos in der Badewanne gefunden wird. Gebhardt verfügt auch über Dokumente, die Bauers Homosexualität beweisen. Die dänische Polizei hat ihn im Exil mit einem Stricher erwischt. Bauer plant, den israelischen Geheimdienst Mossad einzuschalten. Was damals als Landesverrat gilt, wie Angermann beim Gespräch mit Bauer einwirft. Wenn wir etwas für unser Land tun wollen, dann müssen wir es verraten, kontert Bauer.

Lars Kraume konzentriert sich in seinem Film über Fritz Bauer, der in Deutschland als Jude und Sozialdemokrat im KZ gesessen hatte, nach Dänemark und Schweden emigriert und nach dem Krieg zurückgekommen war, um im Klima bundesrepublikanischer Verdrängung und Restaurierung NS-Verbrecher vor Gericht zu stellen, auf die Zeit der Suche nach Eichmann und seine Ergreifung. »Der Staat gegen Fritz Bauer« ist kein Biopic – und Fritz Bauer alles andere als eine Lichtgestalt –, sondern eher ein dis­tanzierter Verschwörungsthriller, bei dem wir jedoch schon wissen, wie es ausgeht. Und es ist ein Film über die dunklen Jahre des Wirtschaftswunders, als die Machthaber von einst schon wieder an der Macht waren. Kongenial beschwören Kraume und sein Team jene Atmosphäre herauf, die einen beschleicht, wenn man Bilder aus dieser Zeit sieht: Alle sehen irgendwie älter aus, als sie waren.

»Ich glaube, dass die junge Generation in Deutschland bereit ist, die ganze Geschichte, die ganze Wahrheit zu erfahren, deren Bewältigung allerdings ihren Eltern schwerfällt«, sagt der echte Fritz Bauer in einem erhaltenen Filmausschnitt, der wie ein Prolog dem Film vorangestellt ist. Es ist faszinierend, wie der Schauspieler Burghart Klaußner sich diesen Bauer anverwandelt, ihm ähnlich wird und doch eigene Ticks entwickelt. Bauer ging es nicht nur darum, NS-Verbrecher dingfest zu machen, sondern auch darum, die Deutschen mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren.

In seinem Beruf vertraut Bauer nur zwei Menschen: dem Staatsanwalt Angermann (Ronald Zehrfeld) und dem hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn, der Bauer nach Frankfurt holte, Sozialdemokrat wie er. Das wirkt auch wie ein Blick auf die Nachkriegsgeneration von SPD-Politikern, die im Widerstand gegen die Nazis waren oder vor ihnen flohen. Solche Typen werden heute nicht mehr gemacht. Angermann lässt sich auf eine Affäre mit dem Transvestiten Victoria (Lilith Stangenberg) ein. Was damals unter den Paragrafen 175 fiel. Als er das Bauer beichtet, ist der keine große Hilfe. Sagt, dass er sich strafbar mache und dass er das lassen solle. Als BKA-Mann Gebhardt den Staatswanwalt Angermann mit Fotos der Affäre dazu zwingen will, gegen Bauer wegen Landesverrats auszusagen, opfert er sich und geht ins Gefängnis. Sicher, das soll auf die Kontinuität zwischen NS-Zeit und Adenauer-Republik hinweisen, aber es bringt doch auch eine gewisse Melodramatik ins Spiel. Die nüchterne Haltung des Films wird dadurch aber nicht getrübt.

... zum Interview mit Regisseur Lars Kraume

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