Kritik zu Das radikal Böse

© W-Film

2013
Original-Titel: 
Das radikal Böse
Filmstart in Deutschland: 
16.01.2014
V: 
L: 
96 Min
FSK: 
12

Stefan Ruzowitzky geht in seinem ersten Dokumentarfilm der systematischen Ermordung von zwei Millionen jüdischen Zivilisten durch deutsche Spezialeinheiten an der Ostfront seit 1941 nach

Bewertung: 3
Leserbewertung
2.666665
2.7 (Stimmen: 3)

Wie zeigt man organisierten Völkermord auf der Leinwand – zumal, wenn es um die Täter geht? Wie schafft man beim Zuschauer die richtige Verbindung von Erkenntnis und Empathie? Wie macht man das Normale im Monströsen deutlich? Eine Antwort darauf hat in diesem Jahr Joshua Oppenheimer gegeben, der in The Act of Killing die Täter, die zu Beginn der Militärdiktatur in Indonesien Folterungen und Morde ausführten, diese in der Gegenwart nachspielen lässt. Eine andere Antwort versucht der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky (dessen Fälscher es zu Oscar-Ehren brachte) in seinem ersten Dokumentarfilm, den er selber als »Nonfiction-Drama« bezeichnet. Es geht um die Erschießungen jüdischer Zivilisten durch Angehörige der deutschen Einsatzgruppen und Polizeibataillone in Osteuropa ab 1941 – zwei Millionen Menschen, ein Drittel aller Holocaust-Opfer.

Der Film basiert auf »Briefen, Tagebüchern und Protokollen«, wie es im Nachspann heißt. In seinem Zentrum steht das Wort, doch welche Bilder findet der Film dazu? Zum einen bedient er sich einiger weniger historischer Aufnahmen: Wochenschaubilder vom Kriegsgeschehen und dem »Führer« zujubelnden Menschen. Zum anderen arbeitet er überwiegend mit nachinszenierten Aufnahmen der Soldaten, die allerdings nie in Aktion gezeigt werden, sondern wartend, in ihrer Freizeit, aber auch in Formation angetreten oder erschöpft durch einen Wald laufend. Eine weitere Ebene des Films sind die Aussagen von Fachleuten, die entweder über genau dieses Verbrechen geforscht haben, wie der Historiker Christopher Browning (»Ganz normale Männer«) oder aber allgemeiner zum Gehorsam gearbeitet haben, wie der ehemalige Psychologieprofessor Dave Grossman (»Über das Töten«). Dazu kommen knappe szenische Rekonstruktionen einer Reihe klassischer sozialpsychologischer Experimente wie etwa das Milgram-Experiment (bei der Testpersonen andere Testpersonen bei Versagen mit Stromstößen bestrafen sollen). Diese werden konsequent aus der Obersicht gezeigt, eine Distanzierung, die bei den nachgestellten Bildern der Soldaten nicht immer funktioniert.

Anfangs überzeugt gerade der Kontrast zwischen Ton und Bild, das Gegenüber von Schilderungen der Erschießungen mit dem Herumalbern der Soldaten in ihrer Freizeit, aber dann drängt sich mehr und mehr Dramatik in die Nachinszenierungen, auch die verlesenen Texte werden eher mit dramatischer Emphase akzentuiert als nüchtern vorgetragen. Zusätzliche Bewegung kommt in die Bilder durch Veränderung des Formates, das zwischen Breitbild, Normalformat und Cinemascope hin- und herwechselt und regelmäßig auch mit Splitscreen arbeitet, und zum anderen durch zusätzliche Bildebenen wie Faksimileeinblendungen von Dokumenten, die bürokratisch-nüchtern die Anzahl und Zusammensetzung der an einem Tag an einem Ort Erschossenen auflisten. Da weiß der Zuschauer die Aussagen der alten Männer aus einem ukrainischen Dorf zu schätzen, die die Erschießungen als Kinder beobachtet haben und deren Interviews von nichts anderem überlagert werden.

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