Kritik zu Das letzte Schweigen

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Ein 13-jähriges Mädchen verschwindet, sein Fahrrad findet man an genau der Stelle, an der lange Jahre zuvor ein anderes ermordet worden war: Baran bo Odars prominent besetzter Krimi ringt mit den Grenzen von Fernseh- und Kinoformat

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Golden leuchtet der Straßenstaub auf dem Weg zwischen den Getreidefeldern, auf dem eine Frau in orangefarbenem Polohemd joggt. Alles so schön warm hier. Aber die Idylle trügt, die Frau, die da joggt, ist die Mutter einer Tochter, die vor 23 Jahren an diesem Ort vergewaltigt und ermordet wurde.

»Das letzte Schweigen« heißt der Film von Baran bo Odar, den das Presseheft unter anderem als Absolventen der Masterclass »Werbung und Imagefilm« an der HFF München ausweist. Der Film nach einem Roman von Jan Costin Wagner ist mit einem Thema befasst, das Fragen der Darstellbarkeit aufwirft: Es geht um Kindesmissbrauch und Pädophilie. Zwei Fälle werden aufeinander bezogen, die 23 Jahre auseinanderliegen und in einem finalen Clou zumindest eine halbwegs originelle Perspektive auf die Geschichte produzieren.

An handelnden Personen herrscht in »Das letzte Schweigen« kein Mangel: Neben dem päderastischen Hausmeister Peer (Ulrich Thomsen) und dem pädophilen Mathematikstudenten Timo (Wotan Wilke Möhring), der es in der Gegenwart zum Architekten mit schmuckem Haus, planschenden Kindern und ahnungsloser Frau (Claudia Michelsen) gebracht hat, spielen gleich vier Kommissare eine Rolle (Burghart Klaußner, Oliver Stokowski, Sebastian Blomberg, Jule Böwe). Dazu kommen drei betroffene Elternteile (Katrin Sass sowie Karoline Eichhorn und Roeland Wiesnekker).

Das Arsenal an Figuren deutet ein Interesse von Regisseur und Drehbuchautor Odar an: »Das letzte Schweigen« will ein Schauspielerfilm sein. Daraus wird nur leider wenig, weil das Interesse an großer Geste, wuchtiger Musik und schönen Bildern größer ist. Die Kriminalgeschichte vernachlässigt der Film zugunsten von etwas, das Psychologie zu nennen gewagt wäre – die meiste Zeit müssen die in anderen Zusammenhängen durchaus überzeugenden Schauspieler stumm und verzagt in die Kamera schauen, um ihrer Kaputt- und Verletztheit Ausdruck zu verleihen.

Weil »Das letzte Schweigen« zuerst ins Kino und dann erst ins Fernsehen kommt, versucht der Film, etwas zu erzählen, dass über die als banal empfundene Tätersuche hinausgeht. Dabei übersieht er allerdings, das heute jeder zweite »Tatort« mehr sein will als ein Kriminalfilm. Der Bombast seiner Inszenierung erdrückt die Nüchternheit, mit der der Film seinen skandalösen Stoff erzählen will. Statt als großes Kino entpuppt sich »Das letzte Schweigen« aufgrund seiner ungenauen, sich häufig ins Klischee flüchtenden Erzählung (Figuren, die abtreten sollen, sagen einfach: »Ich muss los«) als aufgemotztes Fernsehen: Dass Kommissare sich mit internen Eitelkeiten und ähnlichen seelischen Schmerzen wie Opferangehörigen plagen (Blombergs Polizist hat den Tod seiner Frau nicht überwunden), ist heute ebenfalls ein »Tatort«-Standard. In »Das letzte Schweigen« ist das Figurenensemble derart offensichtlich nach Maßgaben der Küchenpsychologie entworfen (jeder hat sein Päckchen zu tragen!), dass man sich sehnt nach dem Kommissar, der einen einmal nicht auch noch mit seinen menschlichen Problemen belasten würde.

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