Kritik zu Das kalte Herz

© Weltkino

Johannes Naber zeigt in seiner prominent besetzten Verfilmung von Hauffs Märchen die Horrorvision und Kolportagegeschichte darin auf

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Natürlich strahlt der Holländer-Michel mit seinem dunkeln, teils von weißer Erde bedeckten Körper und seinen funkelnden Augen etwas Bedrohliches aus. Aber das nimmt der arme, nach Reichtum und Anerkennung strebende Köhler Peter Munk gar nicht wahr. Er lässt sich von der einschmeichelnden Stimme und den verheißungsvollen Worten dieses dämonischen Mannes verführen. Er hört und sieht nur, was er hören und sehen will: gleichmäßig pochende Herzen, die sicher verwahrt in der Höhle des Holländer-Michels hängen, und das Versprechen, dass er im Moment des Todes sein Herz wiederbekommen wird.

Der Handel, auf den sich der von Frederick Lau gespielte Peter Munk aus Verzweiflung wie aus Gier einlässt, könnte durchaus pures Entsetzen auslösen. Aber Johannes Naber hält sich in dieser Schlüsselszene seiner Verfilmung von Wilhelm Hauffs Kunstmärchen »Das kalte Herz« zurück. Peters faustischer Deal mit Moritz Bleibtreus mephistophelischem Holländer-Michel hat tatsächlich eher etwas Märchenhaftes. Selbst der Moment, in dem Peter sein Herz verliert, gleicht einem bizarren Traumgespinst. Wie leicht ist es doch, seine Seele zu verlieren. Naber weiß genau, dass die Menschen eigentlich täglich auf den Spuren Fausts wandeln. Und dass es den meisten dabei eher um Geld als um Wissen geht, versteht sich von selbst.

Von dieser (selbst)zerstörerischen Seite des Menschen hat Naber schließlich schon in seiner Wirtschaftsgroteske »Zeit der Kannibalen« erzählt. Seine Annäherung an ­Hauffs berühmtes Märchen greift deren ­Ideen und Motive wieder auf. Nur dreht sich diesmal alles um den provinziellen Früh- statt um den globalisierten Spätkapitalismus. Mit der Idee des Holzhandels hat das große Geld und zugleich auch die große Gier Einzug in den Schwarzwald gehalten. Alle, die etwas waren und noch mehr sein wollten, haben also ihre Herzen dem Holländer-Michel überlassen. Also folgt Peter, der von seinen hochfliegenden Träumen und seiner Liebe zu Lisbeth (Henriette Confurius) getrieben wird, ihnen nach. Dann, nachdem er selbst Schuld auf sich geladen hat, sieht Peter die Wahrheit. Der Holländer-Michel ist ein Untoter, ein monströses Wesen, in dessen Brust ein schwarzes, fauliges Loch klafft. In seinem von der Decke hängenden Herzen haben sich Maden und Käfer eingenistet. ­Hauffs romantisches Märchen kippt nun doch noch in den reinen Horror.

Johannes Naber verzichtet zwar auch sonst auf jeden Realismus ebenso wie auf die typischen Klischees der deutschen Romantik. Sein Schwarzwald ist ein Reich der Fantasie, in dem die Waldgeister um das von Milan Peschel verkörperte Glasmännchen an indigene Völker erinnern und die Frauen Gesichtstattoos haben. Aber nur in den wunderbar delirierenden Horrormomenten in der Höhle des Holländer-Michels geht sein Konzept der Re-Imagination des berühmten Märchens ganz auf. In ihnen wagt er es, ästhetisch genau über die Grenzen hinauszugehen, die er ansonsten viel zu sehr respektiert.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns