Kritik zu Das finstere Tal

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Ein Amerikaner in Tirol: Andreas Prochaska verfilmt den Neo-Heimatkrimi von Thomas Willmann mit einem magnetischen Sam Riley in der Hauptrolle und ungeheuer viel Gespür für die natürliche Spannung einer winterlichen Berglandschaft

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 4)

Wer bei der Beschreibung »alpiner Wes­tern« zunächst eher höhnisch lächeln wollte, dem vergeht das Grinsen gleich in den ersten Minuten: Da reitet Sam Riley mit Hut, Mantel, Pferd und Maultier im Schlepptau in das titelgebende Hochtal ein. Es ist Herbst, die Pfade sind schlammig und die Kleidung der Menschen, die stumm und feindselig den Einritt des Fremden bestaunen, abgetragen und schmutzig. Man merkt sofort, dass der österreichische Regisseur Andreas Prochaska sich bei der Inszenierung einmal nicht an den redseligen Genreimitationen von Quentin Tarantino orientiert. Das alpine Setting in seiner visuellen Pracht verspricht angenehme Ironiefreiheit. Die latente Bedrohung, die hier von den ersten Minuten an in der Luft liegt, lässt sich dadurch als echte Spannung genießen – keine Besserwisserpointe wird den Gang der Dinge der Lächerlichkeit preisgeben.

Diese Ernsthaftigkeit ist das große Plus von Prochaskas Verfilmung des gleichnamigen Romans und Überraschungserfolgs von Thomas Willmann. Sie verleiht der Rachegeschichte das nötige Gewicht. Sam Riley in der Hauptrolle von Greider, dem rätselhaften Fremden, verkörpert diesen Ernst mit geradezu magnetischer Aura. Natürlich weiß man, dass er mehr im Schilde führt, als er zunächst vorgibt. Er ist den Dorfbewohnern nicht unähnlich, die mit starren, misstrauischen Blicken sein Tun verfolgen. Man kann als Zuschauer kaum den Blick von ihm lassen.

Die ungefähr um 1900 angesetzte Handlung sei hier nur angedeutet: Der aus den USA angereiste Greider nimmt unter dem Vorwand, fotografieren zu wollen, für den Winter Quartier in dem abgelegenen Hochtal, das nach dem ersten großen Schneefall von der Welt abgeschnitten wird. Obwohl ihm die Herren des Tals, ein alter Bauer namens Brenner (gespielt von Hans-Michael Rehberg) und seine sechs Söhne (den ältesten gibt Tobias Moretti), dazu die Erlaubnis erteilen, läuft doch alles bald auf eine Konfrontation hinaus. Eine Serie von Rückblenden gibt unterdessen Hinweise auf Greiders eigentliches Anliegen.

Willmanns Vorlage ist keine große Literatur, funktioniert aber bestens als historischer Krimi von ungewöhnlicher atmosphärischer Dichte. Prochaska trägt dem Rechnung, indem er in seiner Verfilmung mehr auf Stimmung als auf Figurenzeichnung setzt. Egal ob die Kamera den Blick über das majestätisch verschneite Tal mit seinen schwarzen Wäldern schweifen lässt oder über die verbrauchten Gesichter der Dorfbewohner mit all ihren Falten und Tränensäcken, stets geht es ums Herausstreichen gewisser emotionaler Tonlagen wie Unerbittlichkeit, Härte, Mysterium, Gefahr oder Hass.

Kamera, Ausstattung und eine hervorragende Soundtechnik bringen den Winter hier in atemberaubender Unmittelbarkeit auf die Leinwand. Aus dem hallenden Knarzen der Äste, dem schmatzenden Einsinken der Schritte oder dem trockenen Hall eines Schusses baut der Film eine weit über die Rachehandlung hinausgehende Spannung auf. Als Zuschauer bedauert man deshalb entgegen dem Strom der Handlung am Ende geradezu, dass es doch wieder Frühling wird.

Meinung zum Thema

Kommentare

Größter Schmarrn aller Zeiten

Gott sei Dank gibt es noch Menschen, welche denken bevor sie schreiben. Sie andere Kommentare-

Ein film ... den man niemals. Vergessen kann..

Ich höre noch die schüsse..SPÜRE die angst und den hass und die gewalt...

Und die Befreiung.

Wundervoll inszeniert..ein altes traumatisches gemälde...
Die musik ist genial...
Danke!!!!

Anna LI berger

Seltenes, ganz großes Kino; groß wegen Kamera, Sound & Musik, Maske, Casting (wer hat Rehberg schon mal so erlebt, Moretti so diabolisch, Brückner in wenigen Sekunden so präsent!?) etc., aber vor allem Regie, die aus den Darstellern Dinge herausholt, von denen sie in sich - Gestik, Mimik (inkl. der Technik der Pausenkunst) - vorher z.T. wenig geahnt haben mochten.
Ganz großer Minimalismus in den Dialogen (ein Film erzählt mit seinen Mitteln, statt die Schauspieler schwafelnd erklären zu lassen).
Für "Mainstream-Cineasten" sicher z.T. schwerlichere Kost - hier trennt sich eben "die Spreu vom Weizen".

Ein Sohn der als Werkzeug der Mutter Rache nimmt. Wunderbar gespielt. Und dennoch bleibt die Frage, wie es im Herzen des Sohnes nach diesem Blutbad aussieht.

Ich stimme ihnen zu, sehr geehrter Herr Röhrig. Hier trennt sich "die Spreu vom Weizen". Während die Spreu von Schmarrn spricht, spricht der Weizen von seltenem, ganz großem Kino. Ohne arrogant wirken zu wollen, es war seltenes, ganz großes Kino! Meinen Glückwunsch Herr Prochaska. Nichts was nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, keine Sekunde die eine Minute hätte sein können, kein Darsteller der hätte besser sein können, keine Kameraeinstellung die nicht zu 100% ihren Zweck erfüllt hat, kein Wort, keine Schneeflocke zu viel und kein Schuss zu wenig. Der Gedanke, dass es wohl so gewesen sein muss zu dieser Zeit an jenen Orten lässt mich wieder und wieder erschauern. Ein Film den man getrost ein zweites oder drittes mal ansehen kann und jedes mal feststellen wird, dass man ihn eigentlich zum ersten mal gesehen hat. Man muss aber auf jeden Fall zum Weizen gehören!

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