Kritik zu Das Drama
Mit großangelegter Kampagne bewarb A24 den Film als Hochzeits-RomCom: Doch Kristoffer Borgli täuscht die Romantik nur an, um dann eine bitterböse Satire zu entwickeln.
Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Allgemein betrachtet macht sie sich als moralisch positiv besetzter Wert und hehres Ziel ganz gut, in der Praxis aber . . . nicht so einfach. Allzu geläufig sind Situationen, in denen, kaum hat man die Wahrheit gesagt, die Hölle losbricht und mannigfache Konsequenzen drohen: vom blauen Auge über den schief hängenden Haussegen bis hin zur sozialen Ächtung oder gar zum Eingreifen der Ordnungsmächte. Deswegen bedient sich der Mensch mitunter, wenn nicht gar des Öfteren der Schwindelei und Notlüge, um den Frieden wenigstens oberflächlich zu wahren.
Von Wahrheitsspielen ist daher dringend abzuraten. Erst recht wenn die Beteiligten bereits einen sitzen haben. So wie die vier Freunde – Ehepaar Rachel und Mike sowie Ehepaar in spe Emma und Charlie –, die beim gemeinsamen Testen des Hochzeitsmenüs auf die blöde Idee verfallen, einander »das Schlimmste« zu erzählen, was sie jemals getan haben. Was sie sodann einander gestehen, hat durchaus Potenzial. Den Vogel ab schießt allerdings Emma mit der Enthüllung eines Plans, den sie dereinst als gemobbte Teenagerin an ihrer Highschool entwickelt hatte und aus dem dann aber nichts wurde. Sozusagen das Gedankenverbrechen einer hormonell gestressten Pubertierenden, auch bereits etwas länger her, man könnte meinen: verjährt. Doch die anderen reagieren mit einer Empörung, die in der Folge Freundschaften zu vernichten droht und Feierlichkeiten ins Wanken geraten lässt.
Ausgedacht hat sich das Kristoffer Borgli, ein Spezialist im Ausloten von Untiefen des Zwischenmenschlichen und gnadenlos, wenn es darum geht, das Erbeutete mit maximal blamabler Wirkung vor aller Augen auszustellen. Seinen internationalen Durchbruch feierte der norwegische Filmemacher 2022 mit der bösen Satire »Sick of Myself«. Darin nahm er am Beispiel der Aufmerksamkeitskonkurrenz zwischen einem unbedeutenden Künstler und seiner langweiligen Freundin die Auswüchse des Celebrity-Unwesens und die Überhitzungen der sogenannten sozialen Medien ebenso facettenreich wie bestürzend genau aufs Korn. Im Jahr darauf folgte »Dream Scenario«, in dem die Mär vom kometenhaften Aufstieg und tiefen Fall eines unbedeutenden, langweiligen Biologieprofessors erzählt wird, der sich erst zum Internetphänomen hochgejazzt sieht, um sodann Opfer der Cancel Culture zu werden. Borgli lieferte damit nicht nur einen hinreichend durchgeknallten Beitrag zum beliebten Mindfuck-Genre, sondern auch ein Charakterdrama im Gewand einer Sozial-Horror-Farce, in dem Nicolas Cage in der Hauptrolle zur Hochform auflief.
Nun also »Das Drama«, produziert vom Kultstudio A24: neuerlich nach eigenem Drehbuch inszeniert und im intellektuellen Milieu der Universitätsstadt Cambridge, Massachusetts, angesiedelt, verschwenderisch mit Kunst an den Wänden ausgestattet und mit Zendaya und Robert Pattinson in den Rollen von Emma und Charlie hochprominent besetzt. Ihre Fähigkeit zur Darstellung von Mehrdeutigkeit und ihre Bereitschaft zur Erkundung von Abgründen haben beide Stars bereits mehrfach bewiesen. Sie enttäuschen auch diesmal nicht. Kaum ist Emmas einstmaliger gedanklicher Fehltritt ruchbar geworden, da geht auch schon das Geeiere los. Irritation und Entrüstung treffen auf Beschwichtigung und Verharmlosung, moralische Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit kommen ins Spiel, Fremdbilder und Eigenwahrnehmung kollidieren, Ratlosigkeit greift um sich und zieht allerhand kopflose, um nicht zu sagen: hirnlose Übersprungshandlungen nach sich, die zu Momenten des deftigen Fremdschämens führen. Dazu zieht Borgli, wie schon in seinen vorangegangenen Filmen, szenische Irritationen ein, die den vermeintlichen Boden der Tatsachen zusätzlich ins Wanken bringen: Sind es Rückblenden? Zukunftsvisionen? Alpträume? Alternative Entwürfe? Am Ende kreist Borglis brillante Versuchsanordnung um die Frage, wie viel Wahrheit die Liebe verträgt beziehungsweise wie viel Lüge zu ihrem Gelingen notwendig ist. Die gewonnene Erkenntnis ist zwar dezidiert unromantisch, aber immerhin kein weiteres Täuschungsmanöver.





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