Kritik zu Chronicle – Wozu bist du fähig?

© 20th Century Fox

Ein Bildungsroman im Gewand eines Superheldenfilms oder umgekehrt: Jungregisseur Josh Trank und sein Drehbuchautor Max Landis (Sohn von John) nehmen das Genre und seine Lektionen auf neue Weise ernst

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»Mit großen Kräften geht eine große Verantwortung einher«, heißt es bei Voltaire und Spider-Man. Was aber, wenn die Kräfte in den Händen von pubertierenden Jugendlichen liegen, die von Verantwortung noch wenig wissen? Josh Tranks Regiedebüt »Chronicle – Wozu bist Du fähig?« nähert sich mit ungewöhnlichem Realismus dem Superheldengenre, denn im Highschool-Alltag ist soziale Zugehörigkeit die einzige Superkraft, die wirklich zählt. Und die ist für einen normal heranwachsenden Jugendlichen schon geheimnisvoll und verwirrend genug. Andrew hat sich dieses Wissen noch nicht zu eigen gemacht. In der Schule ist er ein Außenseiter, und zu Hause bricht gerade eine Welt zusammen. Seine Mutter liegt im Sterben, der Vater ist Frührentner und misshandelt den Jungen.

Da hilft nur Distanz. Und Distanz – das allerdings ist noch ein Klischee aus der Vor-iPhone-Ära – schafft man, indem man ein technisches Medium zwischen sich und die Welt bringt. Andrew schnappt sich also eine Kamera und filmt seine Umwelt, sehr zum Missfallen seiner Mitschüler. Wir haben uns daran gewöhnt, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, doch sobald jemand eine Kamera auf uns richtet, werden wir nervös. Als Andrews Cousin Matt und Steve, der angehende Schulsprecher, in einem Erdloch im Wald aber eine blau schimmernde Substanz entdecken, kommt Andrew mit seiner Kamera gelegen. Die unheimliche Begegnung wird ihre Leben verändern. Und die Handkamera ist fortan ihr ständiger Begleiter.

Mit einem Lego-Bausatz fängt es an. Andrew setzt ihn in Sekundenschnelle mittels Kraft seiner Gedanken zusammen. Auf dem Sportplatz erschrecken sie die Cheerleader-Mädchen, vor dem Supermarkt parken sie heimlich Autos um. Andrew dokumentiert die Streiche der Jungen, ihre neu gewonnenen Fähigkeiten beunruhigen sie nicht weiter. Alles ist zunächst »cool«, ein bisschen wie in »Jackass«. Uncool wird es, als Andrew in einem Wutanfall einen anderen Wagen von der Straße drängt. Da realisieren die drei, dass ihre Kräfte wachsen wie ein Muskel, den man regelmäßig trainiert. Und sie stellen Regeln auf. Das Regelwerk wird umfangreicher, je weiter sich ihre Fähigkeiten entwickeln. Parallel dazu fällt Andrews Welt langsam auseinander. Und er muss erkennen, dass seine Superheldenkräfte nichts gegen die emotionalen Verletzungen, seine Trauer und Wut, ausrichten können.

Josh Trank und sein Autor Max Landis, beide noch in ihren Zwanzigern, haben mit »Chronicle« ein beachtliches Debüt hingelegt. Mehr noch als an den Spezialeffekten liegt das an der Chemie der drei Hauptdarsteller, die eine natürliche Präsenz in den Film einbringen und einen die enervierende Handkamera mitunter vergessen lassen. Der Hang zum permanenten Dokumentieren ist im amerikanischen Kino der letzten Jahre zur Obsession geworden. »Chronicle« könnte auch gut ohne dieses erzählerische Mittel auskommen. Wenn Andrew ganz allein über der Erde schwebt, während um ihn herum Blitze zucken, verrät dieses Bild eigentlich schon alles über die Einsamkeit des Superhelden. Alle anderen Bilder enden doch wieder nur auf irgendeinem Blog.

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