Kritik zu Beautiful Bitch

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In seinem dritten Spielfilm erzählt Martin Theo Krieger von sehr unterschiedlichen Kinderleben in Deutschland. Die Rumänin Bica wird von einem Schlepper zum Diebstahl gezwungen; Milka ist ein Opfer der Wohlstandsverwahrlosung

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Um sich selbst und ihrem Bruder ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, geht die 15jährige Bica (Katharina Derr) nach Deutschland. Dort »arbeitet« sie als Taschendiebin für den »Patron« genannten Cristu (Patrick von Blume), der die rumänischen Straßenkinder in einer verwahrlosten Düsseldorfer Hochhauswohnung kaserniert und sie dazu zwingt, täglich den Mindestbetrag von fünfhundert Euro zu erbeuten. Bei einem ihrer Raubzüge kommt Bica eines Tages mit der etwa gleichaltrigen Milka in Kontakt, einem temperamentvollzickigen Mädchen aus wohlhabender, aber zerrütteter Familie. Wenn auch auf verschiedene Weise, sind sie doch beide »elternlos«, und so freunden sie sich an, allerdings ohne dass Bica – von Milka »Bitch« genannt – ihre wahre Identität preisgibt.

Mehr und mehr begibt sich Bica daraufhin hinein in Milkas Welt, und immer schwerer fällt ihr dabei das Geheimniswahren. Bald schon ist sie vollkommen eingenommen davon: von den Freuden des »Herumhängens« mit Freunden, von den Empfindungen des Vertrauens und der Freundschaft, von den zarten Anfängen erster Liebe. Dass Bica abzudriften droht, entgeht allerdings auch Cristu nicht, zumal ihr Drang nach Selbstständig keit auch auf die anderen rumänischen Kinder abzufärben droht. Als Bica Fluchtpläne schmiedet, spitzen sich die Ereignisse zu.

Der dritte Spielfilm (nach »Zischke«, 1986, und »Herz über Kopf«, 1988), bei dem Martin Theo Krieger für Buch und Regie verantwortlich zeichnet, mag auf den ersten Blick ziemlich überfrachtet mit den Problemen unserer Zeit erscheinen: Vom Thema Menschenraub, über Missbrauch, Kinderarmut, Vernachlässigung bis hin zur Schönheitsoperation spannt der Film seinen thematischen Bogen. Krieger entscheidet sich dafür, die rumänischen Kinder ein akzentfreies Hochdeutsch sprechen zu lassen. Dies eröffnet die Möglichkeit, den Blick weg von der äußerlichen Fremdheit und hin auf das komplizierte Innenleben der Freundschaft zwischen den Jugendlichen zu richten, auf ihre Versuche, sich gegen die unterschiedlichen Ansprüche der Erwachsenen zu behaupten und einen eigenen Platz in der Welt zu finden. Dem Regisseur gelingen dabei sensible Milieustudien, die absolut stimmig sind, was den Jargon und Habitus der Jugendlichen angeht, bis hin zu den Details der Ausstattung und Kleidung. Unbedingt glaubwürdig ist auch die Darstellung der zunächst von gegenseitigem Misstrauen geprägten Annäherung der beiden Mädchen oder die Art, wie sich Bica und Constantin (Aljosha Horvat), ein Junge aus Milkas Clique, näherkommen. Die hervorragende Besetzung der beiden Hauptrollen – Katharina Derr als scheue, verängstigte Bica, Sina Tkotsch als streitlustige, aber gleichfalls orientierungslose Milka – verleiht dem Film hier die nötige Dichte.

Es sind sicher keine Durchschnittsbiografien, die Martin Theo Krieger in Gestalt dieser beiden Mädchen sich überschneiden lässt. Als Typen sind sie uns aber aus dem Straßenbild der Großstädte geläufig. In ihnen spiegeln sich einige der vielen Gegensätze im neuen geeinten Europa.

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