Kritik zu Beach Rats

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Aus der Larve wird nicht unbedingt ein schöner Schmetterling: Für ihr atmosphärisches Porträt eines Jugendlichen in Gewissens- und Identitätsfindungsnöten wurde Eliza Hittman auf dem Festival in Sundance im letzten Jahr mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet

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Das Festival in Sundance bringt gern Filme hervor, die mit einer gewissen subversiven Attitüde das konventionelle Geschichtenerzählen mal mehr, mal weniger auf links wenden. Auch Eliza Hittmans »Beach Rats« ist so ein Sundance-Gewächs, aber was für eins! Die Geschichte um einen Jugendlichen mit homosexuellen Neigungen, die er vor seinen Machofreunden und seiner Familie geheimhält, ist nämlich alles andere als kalter Kaffee. Die Amerikanerin macht aus ihrem Stoff ein wuchtiges Coming-of-Age-Drama, das eben nicht von einer romantisch gefärbten »Schmetterlingstransformation« handelt, wie Hittman die üblichen Emanzipationsnarrative im Interview nennt.

Nachdem Hittmans Debüt »It Felt Like Love« von den jugendlichen Unsicherheiten einer jungen Frau erzählte, steht in »Beach Rats« mit Frankie ein junger Mann im Zentrum. Wortkarg und unnahbar kommt er zunächst nicht gerade sympathisch daher. Das Gesicht des Halbstarken, von Newcomer Harris Dickinson mit alterstypischem Stoizismus gespielt, ist eine Projektionsfläche, auf der sich jugendliche Nöte manifestieren, ohne psychologisiert zu werden: Wut, Angst, Unsicherheit und die Trauer um den todkranken Vater. Gemeinsam mit seinen Freunden erlebt er den Sommer auf Coney Island als rauschgetränktes Vakuum. Angetrieben von Langeweile und Drogen machen die Strand­ratten den Rummelplatz unsicher, stehlen, checken Frauen ab oder rauchen in der Shisha-Bar um die Wette.

Frankie steckt in dieser Zeit des direkten, unreflektierten Erlebens, die alles andere als einfach ist. »Es ist das Gegenteil von romantisch«, sagt er einmal über das wöchentlich stattfindende Feuerwerk am Strand und gibt damit ein Statement über seine Situation ab. Zu Hause im Keller chattet er heimlich mit Männern im Cam-Chat »Brooklyn Boys«. Die sexuelle Neugier ist ihm ebenso ins Gesicht geschrieben wie die gesellschaftlich indoktrinierte Abneigung gegen seine eigenen Lüste. Und die Abneigung ist überall. Bei seinen testosterongeladenen Freunden sowieso und auch bei Simone (Madeline Weinstein), auf die Frankie sich einlässt. Ein einfacher, kindisch klingender Satz, den Hittman ihr in den Mund legt, artikuliert, was sicher nicht nur in den sozial schwächeren Vierteln am Rande New Yorks viele glauben: »Wenn Mädels rummachen, ist es heiß. Bei Jungs ist es schwul.«

Die 1979 geborene Regisseurin ist altersmäßig nicht besonders nah dran an ihren Protagonisten, versteht es aber – und das sieht man so wirklich selten im Kino –, den jugendlichen Wahnsinn mit poetischem, dabei stets realistischem Blick einzufangen, auf selbstgenügsame Ästhetisierungen verzichtet sie gänzlich. So zeigt sie auch Frankies Treffen mit den Chatbekanntschaften im Waldstück oder im Hotelzimmer nicht als romantische Stelldicheins, sondern als das, was sie sind: ein vorsichtig-sinnliches Herantasten, bei dem sich Frankie zaghaft öffnet. In den unverblümten Szenen zwischen den Männern, die man in dieser Natürlichkeit ebenfalls noch nicht oft gesehen hat, ist Frankies Unsicherheit immer spürbar.

Den Zuschauer lässt Hittman im Vagen, genau wie Frankie, und macht ihn dadurch zum Verbündeten dieses Jungen auf seiner Suche nach sich selbst. Mit zärtlicher Distanz folgt die Kamera von Hélène Louvart der Figur, hin und wieder umgarnt Nicholas Leones sphärisches musikalisches Leitmotiv das Geschehen und nimmt kurzzeitig das Gewicht der Welt von Frankies Schultern. Sein Dilemma holt ihn aber immer wieder ein, gerahmt in eindrücklichen Bildern. Da wird zum Beispiel aus dem Aberglauben eines Liebhabers, dass bei Heteros der Ringfinger länger sei als der Zeigefinger, eine Metapher für Frankies innere Zerrissenheit, denn natürlich ist sein Zeigefinger länger. Es gibt in »Beach Rats« keine filmischen Vereinfachungen und pädagogische Phrasendrescherei sowieso nicht. Was soll man dem Jungen raten? Sich outen in diesem gesellschaftlichen Haifischbecken? Der Strand­ratte wachsen jedenfalls keine Flügel. Das ist nur ehrlich und konsequent. Und traurig.

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