Kritik zu Absolute Giganten

© Wild Bunch

Mit Hilfe hochklassiger Handwerker wie Frank Griebe (Kamera) und Andrew Bird (Schnitt), gelingt es Sebastian Schipper in seinem Regiedebüt kleine Geschichten über die Säulen der Freundschaft in gelassenem Rhythmus einer Hamburger Nacht zu erzählen

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Fern vom glänzenden, flirrend gefährlichen St.Pauli spielt dieser Film, in den öden gesichtslosen Trabantenstädten Hamburgs. Hier gibt es keine Hafenromantik und keinen Hurenglamour, sondern nur die Monotonie des Alltags, zwischen Plattenbauten, Bahngleisen und Industriegeländen. Dabei zeichnet Sebastian Schipper diese Szenerie mit jener Zärtlichkeit, die durch Freundschaft entsteht: wahrscheinlich kennen sich die drei schon aus dem Sandkasten, zumindest aus der Schule: Floyd, der gerade seine Bewährungszeit hinter sich gebracht hat; Walter, der als Automechaniker jobbt; und Ricco, der als Aushilfe in einer Frittenbude arbeitet. Gemeinsam brausen sie im klapprigen Ford Granada, Baujahr 1974, durch die Straßen, spielen Fußball, trinken Bier auf dem Balkon und essen Hamburger, reden, flachsen, raufen, und eigentlich gehen alle davon aus, dass das für immer so bleibt. Doch da eröffnet Floyd den entsetzten Freunden, dass er für den nächsten Tag auf einem Schiff angeheuert hat, über Kapstadt nach Singapur, wo er auf unbestimmte Zeit bleiben will. Nur eine Nacht haben die drei, um sich an den Gedanken zu gewöhnen und zugleich Abschied zu nehmen, und da spürt man plötzlich wie perfekt sich die Tristesse des Abschieds in diese unwirtlichen Schauplätze schmiegt, die Art, wie die Freunde das Alltägliche genießen, und sich doch langsam des Besonderen dieser letzten Nacht bewusst werden, wie sie so tun, als wäre alles wie immer und doch langsam von der Wirklichkeit eingeholt werden.

So lassen sich die drei – und mit ihnen ihr Regisseur – in den Abend und durch die letzte Nacht treiben, ziellos und selbstvergessen, durch die Straßen der nächtlichen Stadt, von der Billardstammkneipe zu einem Discoclub und einer Imbissbude, und immer wieder kocht der Freundschaftsfrust in einem von ihnen hoch, zum Beispiel auf dem einsam gelegenen Gelände einer Auto-Stuntshow, wo Ricco auf zwei Rädern über die Rampe und in das Neonschild der Stuntcrew schliddert und damit eine wilde Flucht durch den Autotunnel in Gang setzt. Später ist es Walter, der den Tischfußballmeister aus Horsts Stammkneipe herausfordert. Und immer spürt man, dass Sebastian Schipper in seinem Spielfilmdebüt ein anderes Hamburg zeigen will als das von Dieter Wedels TV-Fünfteiler »Der König von St. Pauli«, in dem der Münchner Schauspieler einst agierte.

Bisweilen sind seine Typen ein wenig überspitzt gezeichnet, was nur ablenkt von den schönsten Momenten, in denen sich dieser kleine Film ganz auf die unspektakulären Details des Alltags verlässt, auf die kleinen Momente zwischen normalen Jungs an gewöhnlichen Orten. Und, nicht zuletzt wohl mit Hilfe so hochklassiger Handwerker wie Frank Griebe (Kamera) und Andrew Bird (Schnitt), gelingt es Schipper, seine kleinen Geschichten einer Nacht in gelassenem Rhythmus voranzutreiben, bis zu jenem Moment, an dem Floyd seine erschöpften Freunde in der Morgendämmerung zurückläßt.

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