Kritik zu 7500

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Patrick Vollrath war für seinen Kurzfilm »Alles wird gut« für einen Oscar nominiert. In seinem Langfilmdebüt schildert er eine Flugzeugentführung als unter die Haut gehendes Kammerspiel

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Flugzeugentführungen sind ein Subgenre des Katastrophenfilms und zugleich des Politthrillers. In »7500« – der Titel zitiert den internationalen Luftfahrt-Notfallcode für bewaffneten Überfall – lotet Patrick Vollrath die Balance zwischen Actiondrama und Politthriller jedoch neu aus. Der Film beginnt mit unbeweglichen Einstellungen einer Überwachungskamera. Monochrome, in den Augen schmerzende Bilder zeigen arabisch aussehende Männer. Einer von ihnen kauft etwas im Duty-free-Shop. Sie treffen sich auf der Airporttoilette. Was genau sie dort machten, erschließt sich erst später.

Dann das Flugzeugcockpit: Kapitän Michael Lutzmann (Carlo Klitzinger) und sein amerikanischer Copilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt) bereiten einen Trip nach Paris vor; Funkgespräche mit dem Tower, technischer Check der Maschine, Überprüfung der Passagierliste erwecken den Eindruck von Routinevorgängen. Aus einem knappen Wortwechsel zwischen dem Copiloten und der Flugbegleiterin (Aylin Tezel) wird deutlich, dass beide ein Paar sind. Mehr Charakterisierung der Figuren gibt es nicht. Die Narration leitet sich aus der dokumentarisch anmutenden Beobachtung der Situation im Cockpit ab. Statt Filmmusik ist nur dröhnendes Maschinengeräusch zu hören. Akustisch unterstrichen wird so die Konzentration auf die technologischen Rahmenbedingungen.

Die Gefahr kündigt sich dementsprechend auf einem schwarz-weißen Monitorbild an, mit dem die Piloten in den Rückraum der Maschine blicken. Zu sehen ist der Sichtschutzvorhang zwischen Cockpit und Passagierraum; eine Schuhspitze hebt ihn leicht an. Bald darauf dringen blitzartig zwei Terroristen in die Flugzeugkanzel vor. Mit Action aus einem Bruce-Willis-Film hat der folgende, physisch real anmutende Kampf nichts zu tun. Das nur wenige Sekunden währende Handgemenge stellt schließlich eine Pattsituation her, die insbesondere den Copiloten, glänzend gespielt von Joseph Gordon-Levitt, vor schwierige Entscheidungen stellt.

»7500« tritt das IS-Thema nicht breit. ­Ohne die Erinnerung an die Anschläge in Paris, Nizza und Berlin ist der Film aber nicht denkbar. Vor diesem Hintergrund gelingt Vollrath mit der Zuspitzung der Situation auf technisch vermittelte Bilder ein interessanter dramaturgischer Kunstgriff. Ähnlich wie ein Computervirus infiltrieren die Terroristen mit Muskelkraft und Bauernschläue zunächst ein komplexes technisches System, das zur Metapher der Gesellschaft wird. Ihre Hauptwaffe ist jedoch die Konfrontation mit inszenierten Horrorbildern: So muss der Copilot auf dem Monitor der Überwachungskamera mit ansehen, was die Terroristen mit den Passagieren anstellen.

Indirekt zitiert der Film jene Enthauptungsvideos, mit denen der sogenannte Islamische Staat den Westen moralisch zu destabilisieren versuchte. Das Kammerspiel »7500« ist ein politischer Genrefilm, der dank seiner klaustrophobischen Grundkonstellation jedoch unter die Haut geht. Nach diesen Bildern steigt man unweigerlich mit Beklemmungen in den Flieger.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der Film ist sehr spannend, weitestgehend realistisch und was mir außerdem sehr gut gefallen hat, ganz ohne die typische nervende Musikuntermalung. Fünf Sterne von mir.

Da sollten doch Kabelbinder zum "richtigen" Fesseln von Entführern doch zur Standardausrüstung gehören. Ist man aus Schaden nicht klug geworden? Oder ist es in der Realität mittleweile so?

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