Kritik zu 23 000 Leben

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Das von Netflix produzierte und mit kurzem Kinostart (ab 17.7. dann auch im Streaming verfügbar) bedachte Drama erzählt die Geschichte der Seenotrettungs-NGO »Jugend Rettet«.

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Das deutsche Kino kann sich nicht vorwerfen lassen, nicht auf die politische Großwetterlage zu reagieren. Im vergangenen Jahr gaben »Das Deutsche Volk« und »Die Möllner Briefe« den Hinterbliebenen der rassistischen Anschläge in Hanau und Mölln eine Stimme, »Kein Land für Niemand« thematisierte die restriktive Migrations- und Asylpolitik an Europas Grenzen. Engagiert und thematisch relevant ist auch Markus Gollers auf realen Begebenheiten beruhendes Drama »23 000 Leben«, das von Netflix produziert wurde und auf dem Filmfest in München Premiere feierte.

Der Film fiktionalisiert die Ereignisse um die Seenotrettungs-NGO »Jugend Rettet« und ihr Rettungsschiff Iuventa, das nach mehreren Missionen auf dem Mittelmeer von den italienischen Behörden beschlagnahmt wurde. Der Vorwurf gegen die nach mehrjährigem Verfahren dank der Aussagen von Geretteten freigesprochenen Besatzungsmitglieder: »Beihilfe zur unerlaubten Einreise« und Zusammenarbeit mit Schleppern.

Man merkt Gollers Film in jeder Sekunde an, dass diese Ungerechtigkeit gegenüber der zivilen Seenotrettung ihm und seinem prominenten Cast unter den Fingern brennt. Den folgerichtigen Vibe formuliert Hauptfigur Lukas (Louis Hofmann) gleich zu Beginn: Aus dem Gedanken, dass man Menschen auf der Flucht nicht ertrinken lassen könne, sei ein Gefühl geworden.

Lukas beschließt 2015, im Jahr von Angela Merkels »Wir schaffen das«, zu helfen. Er schwingt Reden in der Kneipe à la »überall auf der Welt schließen sich junge Menschen mit Ideen zusammen und erreichen so so viel« und findet Mitstreiter:innen, die ihn unterstützen. Es braucht Kommunikation, Crowdfunding und ein Boot, das, obwohl die jungen Menschen völlig ohne Erfahrungen agieren, von einem gut betuchten Paar (Corinna Harfouch und Ulrich Matthes) gesponsort wird. Damit ist »Jugend Rettet« geboren und geht auf Mission auf dem Mittelmeer.

So wichtig und richtig die Botschaft ist: Leider gießt Goller die Ereignisse und den Idealismus in einen überaffirmativen Film. In der ersten Hälfte wirkt »23 000 Leben« wie ein Werbefilm. Da steht die Hafermilch im Kühlschrank, auf der ersten Mission im Mittelmeer springen die Delfine durch Sonnenreflexionen und Lukas wird auf fast schon nervige Weise überidealisiert gezeichnet. Dazu pathetische Musik und allerhand Gespräche mit Weltverbesserungsplattitüden. »Die Welt muss sich verändern. Und wenn’s niemand macht, dann tut sie es nicht«, sagt Lukas zu seiner zweifelnden Mutter (Franka Potente).

Das Drehbuch von Oliver Ziegenbalg und Michele Cinque formuliert alles, aber auch wirklich alles in Dialogen aus und setzt fühlbar Häkchen an diskursrelevanten Themen. Da kommt es zum Zerwürfnis zwischen Lukas und seiner Freundin (Mala Emde), weil sie gerade in »zwei verschiedenen Welten« sind, am Hörertelefon während einer Radiosendung poltert ein Ja-aber-Typ, dass Seenotrettung gut sei, Lukas und sein Team die Geflüchteten aber lieber nach Afrika zurückbringen sollten, und in einer TV-Sendung behauptete ein Politiker, dass Rettungsschiffe ein Pullfaktor seien.

»23 000 Leben« wird der Komplexität seines Themas mit seinem Überdeutlichkeitsaktivismus und seiner drögen Inszenierung, die eher zum Fernsehen als zum Kino passt, nicht wirklich gerecht. Eine verpasste Chance in einer Zeit, in der mit der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) die größte Asylrechtsverschärfung seit Jahrzehnten in Kraft getreten ist, die Kritiker:innen zufolge grundlegende Menschenrechte gefährdet.

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