Kritik zu 25 km/h

© Sony Pictures

Bjarne Mädel und Lars Eidinger verkörpern im neuesten lebenstherapeutischen Roadmovie von Markus Goller zwei Brüder, die sich noch mal auf die Mofas ihrer Jugend setzen und ans Meer wollen

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Zeit hat Christian (Lars Eidinger) schon mal gar nicht. Das fängt schon damit an, dass er auf dem Land vor einer sich gemächlich senkenden Zugschranke, ja, in die Schranken verwiesen wird. Da könne man doch noch schnell durchfahren, bedrängt er die Taxifahrerin, die mitten in der menschenleeren Landschaft den Verlust ihrer Lizenz fürchtet. Schon hier kollidiert seine Metropolen-Geschäftigkeit mit dem Rhythmus des Landlebens. Zur Beerdigung seines Vaters kommt Christian dann jedenfalls zu spät, was seinen Bruder Georg (Bjarne Mädel) so empört, dass er seine Grabrede unterbricht, um sich zünftig jungenhaft zu prügeln. Schon klar, die beiden haben Einiges aufzuarbeiten. Wie viele Heimkehrer will auch Christian die Sache so kurz wie möglich halten und hat schon für den nächsten Morgen einen Flug zurück in sein atemloses Leben in Asien gebucht. Doch wie so oft im Kino kommt ihm etwas dazwischen.

In einer alkoholgeschwängerten Wiedersehensnacht schlägt Christian nämlich spontan vor, einen Plan aus Jugendzeiten umzusetzen: einfach aufs Mofa steigen und ans Meer fahren, im Tempo der titelgebenden 25km/h. Nach »Friendship!«, in dem Friedrich Mücke und Matthias Schweig­höfer ein komödiantisches Amerika-Abenteuer erlebten, folgt Markus Goller hier zum zweiten Mal den Wegen, die ihm der Autor Tom Zickler und der Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg bereiten. Statt in die Ferne zu schweifen, sucht er das Abenteuer dieses Mal in den heimischen Gefilden, zwischen Schwarzwald und Ostsee, in den Kurven der »Memory Lane«.

Und dann fahren die ungleichen Brüder los, sie streiten und sie lieben sich, und stellen gegenseitig ihre Lebensentwürfe in Frage, sie diskutieren Beziehungen, Berufsentscheidungen, Familienverhältnisse und Bindungsängste, verpasste Chancen und verstrichene Gelegenheiten. En passant erleben sie jede Menge kleine und große Abenteuer, auf den Landstraßen Deutschlands, auf einem badischen Weinfest, auf einem Paderborner Hippie-Festival, auf einem Campingplatz, bei allerlei Begegnungen, unter anderem mit Jella Haase, ­Franka Potente, Alexandra Maria Lara, ­Jördis ­Triebel und Sandra Hüller, die in kleinen Auftritten die Textur des Filmes anreichern. Dabei gelingt Goller, der sein besonderes Faible für lebenstherapeutische Reisen zu zweit zuletzt in »Simpel« zelebriert hat, eine schöne Mischung aus nachdenklicher Tiefgründigkeit und luftig beschwingter Leichtigkeit. Die Chemie zwischen Lars Eidinger und Bjarne Mädel funktioniert so gut, dass man sich fragt, warum nicht schon längst mal jemand auf die Idee gekommen ist, die beiden zusammenzubringen. Die schwarzen Anzüge und weißen Hemden, die sie von der Beerdigung ihres Vaters durch den ganzen Film tragen, werden im Verlauf des Films immer lockerer, zerknitterter und dreckiger. Sie versinnbildlichen die ­allmähliche Ablösung von den Zwängen ihres Lebens. Und wenn sich Christian seine im Wind flatternde Krawatte wie einen Indianerkopfputz um den Kopf schlingt, sieht das schon nach ganz großer Freiheit aus.

Meinung zum Thema

Kommentare

Warum gilt es als komisch, wenn Männer sich wie 15-jährige Jungs verhalten?

Tja, wie soll man das erklären? Ist doch komisch.

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