Sommerberlinale [3]

»Introduction« (Inteurodeoksyeon, 2021). © Jeonwonsa Film Co.Production

Mit dem Preis für das beste Drehbuch wurde Regisseur Hong Sangsoo im März für »Introduction« ausgezeichnet, für das Festival von Cannes im Juli ist bereits ein weiterer Film des südkoreanischen Regisseurs angekündigt, eine ernsthafte Konkurrenz also für Francois Ozon, wenn es in der Fassbinder-Nachfolge darum geht, Filme in kürzesten Abständen herauszubringen, oder wie ein deutscher Verleiher auf meine Nachfrage einmal abwinkte, »zu viele Filme, um sie alle hierzulande in die Kinos zu bringen.« Die Qualität von »Introduction« sehe ich allerdings weniger in dem (gewollt) skizzenhaften Drehbuch (das gleichwohl eine präzise Konstruktion erkennen lässt) als in der Inszenierung, etwa im Wechsel zwischen Personen und Orten, deren Zusammenhänge sich dabei erst nach und nach erschließen (oder manchmal auch offen bleiben), hier zumal der erste Ortswechsel, der beim Zuschauer das Gefühl von Vertrautheit auslöst – nein, wir befinden uns nicht mehr in Südkorea, sondern in Berlin. Später wechselt die Szene zum Potsdamer Platz, gedreht vermutlich bei der Berlinale 2020, als der Regisseur mit seinen Darstellern vor Ort war – guerilla filmmaking der amüsanten Art. 

Nach Berlin ist der Protagonist seiner Freundin nachgereist, die hier ein Mode-Studium beginnt, ihre Mutter stellt sie dabei einer alten Freundin vor. Der Schauspieler dagegen, der im ersten Kapitel die Arztpraxis aufsuchte und eine spontane Behandlung bekam, während der Arzt seinen Sohn im Vorzimmer warten ließ, wird in der finalen Episode von der Mutter des Mädchens dem Jungen vorgestellt, der sich von diesem eine alkoholgeschwängerte Tirade über Schauspieler anhören muss, die ihn und das Mädchen aus dem Restaurant flüchten lässt. Nach kurzen 66 Minuten ist das Ganze, zwischen Melancholie, Drama und leiser Komik schwankenden Momenten, vorüber.

Godards »La Chinoise« ist bei der diesjährigen Berlinale gleich Referenz für zwei Filme: während der amerikanische »The Inheritance« eine Art Remake unter gegenwärtigen, revolutionär gesinnten jungen Leuten zeigt, liefert »Juste un mouvement« von Vincent Meesen die Biografie eines afrikanischen Revolutionärs, der von Godard während seines Frankreich-Aufenthaltes für einen Auftritt in »La Chinoise« engagiert wurde, sozusagen als dokumentarische Balance zwischen Schauspielern wie Jean-Pierre Leaud und Juliet Berto. Omar Blondin Diop, der 1973 in einem senegalesischen Gefängnis ums Leben kam, wird hier aus mehreren Perspektiven beschrieben, Widersprüche werden stehen gelassen.

Indirekter und verhaltener erzählt wird das politische Element in Andreas Fontanas »Azor«: zur Zeit der Militärdiktatur reist ein Schweizer Privatbankier mit seiner Ehefrau nach Argentinien, wo sein Kompagnon verschwunden ist. Die Präsenz des Militärs auf den Straßen wird gleich zu Beginn etabliert, danach folgen überwiegend Gespräche im Plauderton in Innenräumen. Erst und nach erschließt sich, um was für Geschäfte es geht und wie die mit der aktuellen politischen Lage im Land zu tun haben. 

Der aufregendste politische Film des heutigen Tages allerdings ist für mich »Philly D.A.« von Ted Passon, Yoni Brook und Nicole Salazar. In Philadelphia, der US-amerikanischen Stadt mit den meisten Gefängnisinsassen, kandidiert ein Bürgerrechtsanwalt für das Amt des Staatsanwaltes – und wird mit großer Mehrheit gewählt. Dass dem Mann, der das Polizeidepartment der Stadt 75 mal verklagt hat, auf großen Widerstand in den Behörden stößt, war zu erwarten, wie sich die Gegenkräfte formieren und welche Maßnahmen die neue Administration in Gang setzt, um der Probleme der Stadt Herr zu werden, auch, mit welchen Zwängen dabei umzugehen ist, das ist höchst spannend und lehrreich, gewährt Einblicke in ein System von in Jahrzehnten gefestigter Korruption und den mühseligen Weg der Veränderung. Ein Lehrstück, das leider nur einmal auf dem Spielplan steht, leider laufen auch nur die ersten zwei (von insgesamt acht) Folgen, gerne hätte man das Werk am Stück gesehen, so wie vor zwei Jahren Charles Fergusons »Watergate«-Serie. »Philly D.A.« wurde produziert vom öffentlichen Bildungsfernsehen PBS und wird hoffentlich von einer deutschen Sendeanstalt angekauft. 

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