Sommerberlinale [1]

»Der Mauretanier« (2021). © Tobis Film

Heute beginnt sie nun, die erste Sommerberlinale seit der damalige Leiter Wolf Donner das Festival 1977 vom Juli in den Februar verlegte – wegen eines besseren Standings zwischen den anderen A-Festivals. Der Termin der heute beginnenden Veranstaltung dürfte optimal sein, denn der reguläre Kinobetrieb startet bundesweit erst in drei Wochen und das Publikum dürfte ausgehungert sein, Filme endlich wieder auf der großen Leinwand sehen zu dürfen. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Berlinale Donnerstagvormittag ein großes Erfolgserlebnis vermelden wird.

Und was wird am heutigen Abend geboten? Nur sechs Filme stehen auf dem Programm, von denen einer aber gleich parallel in sechs Kinos gezeigt wird. Meiner Meinung nach ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit für Kevin Macdonalds »The Mauretanian«, den der Verleih bereits ab morgen überall dort offeriert, wo Kinos schon geöffnet haben. 
»The Mauretanian« erzählt, »based on a true story«, die Geschichte eines Guantanamo-Häftlings (Tahar Rahim), dem seine Geständnisse zur Last gelegt werden, aber hat er die möglicherweise nur unter Folter abgelegt? Der Film funktioniert auch als Duell zweier Stars, Jodie Foster als Menschenrechtsanwältin und Benedict Cumberbatch als Armeeoffizier, der die Anklage vorbereitet, aber dabei merkt, dass ihm einiges an Fakten vorenthalten wird – ein Politthriller mit vielen bewährten Elementen.  

Wie »The Mauretanian« kommen auch die meisten der Filme des heutigen Abends in absehbarer Zeit in die Kinos, der zweite Film der Zürcher-Brüder, »Das Mädchen und die Spinne«, am 8.7., Henrike Kulls lesbische Liebesgeschichte »Glück« am 22.7. – am selben Tag startet auch der Dokumentarfilm »Anmaßung« von Stefan Kolbe und Chris Wright, noch kein Datum steht fest für Barbara Kronenbergs – als deutsche Koproduktion entstandenen – Jugendfilm »Mission Ulja Funk«.  So ist der interessanteste Film heute Abend »Ich und die anderen« (auch weil das seine einzige Aufführung ist), kein Film, sondern eine Fernsehserie, für die der Österreicher David Schalko verantwortlich zeichnet, der ja bereits mehrere ungewöhnliche Serien vorgelegt hat. In seiner neuen Serie wird Tom Schilling als Angestellter einer High-Tech-Firma und werdender Vater fortwährend vor ungewöhnliche Situationen gestellt, erstaunlich, dass er weitgehend die Ruhe bewahrt, trotz eines überaus arroganten Chefs (Lars Eidinger) und ziemlich durchgeknallter Familienangehöriger. Zwischen surreal, dramatisch und abgründig komisch wechselt die Stimmung hin und her und nach knapp zweieinhalb Stunden ist man neugierig, wie es weiter geht. Denn die Berlinale zeigt nur die ersten drei Folgen der insgesamt sechsteiligen Serie, die vollständig ab 29.7. beim Pay-TV-Sender Sky zu sehen ist.

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