Perspektive: Die Exzessbetreuer

David Dietls Dokumentation »Berlin Bouncer«
»Berlin Bouncer« (2019). © Flare Film GmbH

Ach ja, Berlin, du geschichtsträchtige Stadt, du Party- und Hedonistentempel. Wie viele Filme haben davon schon erzählt? Vom Mauerfall, von einer neu entstehenden Subkultur, die sich in leerstehenden Fabrikgebäude austobte und die die neue Freiheit, Exzess und Drogen genoss. Etwa Romuald Karmakar in seiner Technodoku »Denk ich an Deutschland in der Nacht«. 

Auch David Dietls Dokumentation »Berlin Bouncer«, die in der Perspektive Deutsches Kino läuft, erzählt davon am Rande. Zwischendurch flackern immer wieder alte Archivaufnahmen über die Leinwand, von Menschen an der Mauer, auf der Mauer und schließlich vom Mauerfall und Partys. Auch wenn man das schon tausende Mal gesehen hat im Zuge der teilweise penetrant betriebenen Mythenbildung rund um die Hauptstadt, klebt doch eine angenehme Nostalgie auf den Bildern.

Diese oft gehörten Geschichten sind maßgeblicher Teil der Biografien der drei Protagonisten, die »Berlin Bouncer« porträtiert. Als »legendäre« Türsteher werden sie im Presseheft angekündigt, aber vielen Nicht-Berlinern wird wohl nur der Name Sven Marquardt etwas sagen. Nicht nur, weil der es als Hüter des Techno-Olymps Berghain, der »härtesten Tür Europas«, zu Rang und Namen gebracht hat. Sondern auch, weil der Riese mit der silbernen Mähne, den Tattoos und Piercings im Gesicht und der klotzigen Brille auf der Nase auch als Fotograf erfolgreich ist. 

Frank Künster ist der Zweite im Bunde. Der Mann mit Glatze und Plauze, der sich als »Exessbetreuer« betrachtet und einen besonderen Bezug zu seine weiblichen »Fans« zu haben scheint, kam in den spätern 80er Jahre nach Berlin. Und dann ist da noch Smiley Baldwin, der als G.I. die Grenze nach Ostberlin bewachte und mittlerweile ein eigenes Sicherheitsunternehmen leitet. Die Herren sind alle in den Fünfzigern und in jungen Jahren ungeplant Türsteher geworden. 

Der Blick von »Berlin Bouncer« soll vor allem ein persönlicher sein. Denn auch wenn von Exzessbetreuung die Rede ist, auch wenn Baldwin sich in einem überkandidelten Vergleich als Künstler betrachtet, der jeden Abend mit seinen Entscheidungen an der Tür ein Bild im Club malt, ist von den Exzessen und Bildern nicht sehr viel zu sehen. Vom Berghain sowieso nicht, diesem hermetischen Fort Knox, in das wahrscheinlich niemals eine Kameralinse einen Blick wird werfen dürfen. Auch in »Berlin Bouncer« erscheint der kalte Beton der Fassade unüberwindbar.

Die persönlichen Türen der Drei darf Dietl einen Spalt weit öffnen. So sehen wir den Künstler Marquardt als Workshopleiter in der Kunsthochschule Weißensee oder bei der Eröffnung der Ausstellung »Götterdämmerung« in Turin. Künster besucht ein Klassentreffen (30 Jahre) und seine Schwester in Hanau. »Frank war immer weg« sagt die über ihren Bruder, der an Weihnachten immer und überhaupt oft das Weite suchte. Natürlich ist auch er Künstler, er produziert Filme, spielt gelegentlich selbst darin mit und darf einen seiner Grafikdrucke als Gastaussteller in Weißensee aufhängen. Baldwin folgen wir zu seiner alten Kaserne, wo er sich gerne an den damaligen Respekt gegenüber der Militärpolizei erinnert. Und auch zu seiner Familie auf die Virgin Islands. 

Am präsentesten ist in »Berlin Bouncer« Sven Marquardt. Rührend etwa jene Szene, in der der Mann in eigenen alten Aufnahmen stöbert und beim Anblick eines Fotos von einem verstorbenen Freund in Gedanken versinkt. Die längst vergangene Geschichte bleibt unausgesprochen, ist aber dennoch gegenwärtig. Von solch tieferen Momenten gibt es im Film leider wenige, wirklich nah ran kommt Dietl nur selten. Und manchmal wird es auch nervig, etwa wenn Baldwin an einer Tür überschwänglich von scheinbar Fremden begrüßt wird. »Du bist eine Legende!« Das wirkt gestellt (und ist es auch...?!).

Viel erfahren wir nicht darüber, wonach die Männer ihre Gäste auswählen. Aber der Koch verrät ja auch seine Rezepte nicht. Am Ende ist »Berlin Bouncer« eine sympathische kleine Fußnote zum Mythos und zur Geschichte Berlins. Und die letzten Worte Marquardts sind auch schön: »Ich find's immer noch gut, in die Nacht zu fahren«. Na dann!

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