Die Kehrseite der Wehmut

Natürlich passt die Melancholie besser in den Herbst. Aber auch im Sommer kann sie wohltun. Im Filmhaus Nürnberg kann man ab heute dieses Glück genießen: Mit »Wilder Sommer« beginnt dort erneut die Retrospektive des schmalen, großen Werks von Valerio Zurlini, die im November dem Lockdown zum Opfer fiel.

Es ist die erste Filmreihe in Deutschland überhaupt: ein Ereignis, das noch bis zum Monatsende läuft (https://www.kunstkulturquartier.de/filmhaus/programm/schwerpunkte/valerio-zurlini-retrospektive). In dem Eintrag „Verwandelte Melancholie“ vom 30.10. 20 wies ich auf den ersten Anlauf hin. Darin lasse ich Jacques Perrin, einen seiner wichtigsten Darsteller, von diesem Meister der Einfühlung erzählen. Der Franzose stellt die frühe, schon vollendete Ausformulierung des sensiblen, verletzbaren Zurlini-Protagonisten dar.

Weil in Italien damals nicht mit Originalton gedreht sondern nachsynchronisiert wurde, konnte die Besetzung seiner Filme so wunderbar durchlässig sein. Vor allem öffnete sie sich für französische Schauspieler, die bei ihm anders sein konnten als sonst. Der blutjunge Jean-Louis Trintignant etwa ist ungekannt glutvoll in »Wilder Sommer«, gibt sich mit der Ergriffenheit eines Balletttänzers in den Bann der Liebe zu Eleonora Rossi-Drago. Und Alain Delon lässt es zu, dass das Publikum ihn in "Oktober inletztlich künstlerischem Kalkül geschuldet. Rimini" in einem Zustand geradezu postumem Abglanzes erlebt. (Weshalb seine Partnerin Sonia Petrova danach keine große Karriere machte, bleibt eines der großen Mysterien der 1970er.) Die Aufhebung der Sprachgrenze war selbstverständlich auch eine Exportstrategie. Aber die paneuropäische Zusammensetzung seiner großen Ensembles (in »Die Soldatinnen«: Anna Karina, Marie Laforet, Mario Adorf; in »Die Tatarenwüste«: eben nicht nur die franco-italienischer Schauspiel-Aristokratie, sondern auch Max von Sydow, Helmut Griem und Fernando Rey, der stumm auftritt, wenn ich es recht erinnere) sind letztlich einem künstlerischen Kalkül verpflichtet.

Nur acht Filme hat Zurlini in 22 Jahren gedreht: ein Außenseiter, dessen Eigensinn von den Produzenten gefürchtet wurde. Zahlreiche seiner Projekte scheiterten, auch an seinen Selbstzweifeln, darunter eine Hemingway-Biographie und eine Adaption von »Die Gärten der Finzi Contini«. Die Programmnotizen des Filmhauses heben hervor, dass er, ebenso wie Pasolini, gleichzeitig Christ und Kommunist war: ein Widerspruch, der aus italienischer Perspektive sicher leichter auszuhalten und lebbar ist. Deutliche Spuren hat er in Zurlinis gewiss erstaunlichstem Film »Töten war ihr Job« hinterlassen, einer Allegorie auf das Martyrium Jesu' und die Ermordung Patrice Lumumbas, in der allein schon die Blickwinkel der Kamera militant sind. Die Hauptrolle spielt, gelobt sei die Nachsynchronisation, der sublime Woody Strode. Lumuba war übrigens der Kosename, den er Claudia Cardinale während der Dreharbeiten zu »Das Mädchen mit dem leichten Gepäck« gab.

Der Widerstand gegen den Faschismus hat ihn nachhaltig geprägt. Die Action-Szenen etwa in »Die Soldatinnen« inszeniert er als Dramen, in denen das Leben von Figuren bedroht ist, die wir inzwischen intim kennengelernt haben. Nach dem Krieg studierte er Kunstgeschichte (Delons Figur in »Okotober in Rimini« trägt vielfache autobiographische Züge), sein Spezialgebiet war die Renaissance, er publizierte aber auch eine Monographie über Giorgio Morandi. Seine eigene Kunstsammlung muss beachtlich gewesen sein, aus der er freigebig Werke an Teammitglieder und Freunde verschenkte. Sein Kino besitzt eine einzigartige plastische Evidenz. »Tagebuch eines Sünders« ist einer der schönsten Farbfilme überhaupt, da seine Palette außerordentlich gedämpft ist und in ihr das Schwarz eine unentrinnbare Präsenz besitzt.

Er fing als Dokumentarfilmer an, durchlief die gewissermaßen obligatorische Lehrzeit während des ausklingenden Neorealismus'. Mit Antonioni verbindet ihn ein präzises Gespür für die Erzählkraft der Architektur und die vieldeutige Tristesse von Orten. Stets herrscht bei Zurlini eine immense Spannung zwischen Geschehen und Hintergrund. Florenz, Parma, Rimini und die Adriaküste filmt er mit entschieden untouristischem Blick. Dass der Kamerablick sich von der überwältigenden Kulisse des Drehorts der »Tatarenwüste« - die Ruinen der Zitadelle im iranischen Bam -, dann doch nicht überwältigen lässt, spricht für Zurlinis inszenatorische Wachsamkeit. Diese Festung ohne Zweck bewacht eine tote Grenze, hinter der nichts liegt. Keine Armee kann die Berge am Horizont überwinden, heißt es. Das feindliche Heer, das schließlich auftaucht, könnte eine Luftspiegelung sein.

Die Kamera ist in seinen Filmen eine Komplizin romantischer Suchbewegungen; die Art, wie sie die Figuren im Raum fixiert, kündet von einer existenziellen Malaise. Zurlini erzählt von Einsamkeiten, die sich hoffnungsvoll und folgenlos begegnen. Leidenschaften ohne ein Morgen. Vergeblich sind sie nicht, denn die Charaktere entdecken Wesentliches an sich und ihrem Gegenüber. Das mag in eine Entzauberung münden, aber sie spüren das Leben. Auch die Melancholie hat ihre Kehrseite. Dafür steht Zurlinis prunkende Inszenierung, in der die Figuren emphatisch aufgehoben sind.

Kaum ein anderer Filmemacher besitzt seine Gabe, das Thema eines Films in einer einzigen Szene zu verdichten. In »Wilder Sommer« ist es die nächtliche Party, in der die verbotene Liebe zwischen dem Faschistensohn Trintignant und der Witwe Rossi-Drago eine Resonanz findet im Tanz der anderen Paare. Plötzlich bricht der Krieg in das Private ein. Die Bombardements im Hintergrund leuchten auf wie ein fernes Feuerwerk. Mussolini ist entmachtet, aber die Zeitläufte, das Auftauchen von Militär und Flüchtenden, vereiteln fortan das Glück der Liebenden. Sein pièce de résistance ist die Treppenszene, die in »Das Mädchen mit dem leichten Gepäck« später ein vielfaches architektonisches Echo findet. Der verliebte Perrin beschert Cardinale das Hochgefühl, respektiert und gebraucht zu werden, als er ihr eine Arie aus der Oper vorspielt, nach der sie benannt wurde: Aida. Ihr Lächeln, das langsam ahnungsvoll verschwindet, erzählt in wenigen Sekunden die Geschichte eines ganzen Lebens.

 

 

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