Film des Monats März: »Der Rausch«

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Empfohlen von der Jury der Evangelischen Filmarbeit

Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Lehrer an einem dänischen Gymnasium. Das liberale Umfeld schützt nicht vor Burn-out und Midlife-Crisis. Aber eine groteske Theorie verspricht einen Ausweg. Der Mensch, so die Behauptung, komme mit 0,5 Promille zu wenig Alkohol auf die Welt. Ganz bei sich sei er nur dann, wenn immer genug Alkohol im Blut ist. Die vier Freunde beschließen, sich einem entsprechenden Experiment zu unterziehen.

Schnell stellen sich beim Praxistest die ersten Erfolge ein, vor allem der Unterricht läuft richtig gut. Martin wird wieder zum brillanten Geschichtslehrer, und Peters Chor singt inniger denn je. Aber rasch wird klar, dass das nicht gut gehen kann. Thomas Vinterbergs Film verschwendet jedoch keine Zeit mit der wohlfeilen Botschaft, dass Alkohol keine Probleme löst. Sein Blick richtet sich vielmehr auf die verschiedenen Formen der Akzeptanz von Alkohol in unserer Gesellschaft und vermeidet dabei jede Dämonisierung. Er thematisiert den Leistungsdruck, den Alkohol eben auch zu entlasten verspricht, und wirft einen nüchternen Blick auf die gesellschaftliche Doppelmoral. In ritualisierten Formen ist Trinken durchaus erlaubt: als Distinktion unter Gourmets, als Ritual bei Feiern oder als kunstvolles Sauflied. Dabei wirft er durchaus moralische Fragen auf, zum Beispiel wenn Martin im Geschichtsunterricht anhand des Vergleichs von Churchill mit Hitler nach dem Verhältnis von Lebenswandel und Herrschaft fragt. In einer Szene gelingt die Engführung der Themen besonders eindrücklich: Um einem Schüler die panische Angst vor einer mündlichen Prüfung über den Philosophen Kierkegaard zu nehmen, bietet ihm sein Prüfer Alkohol an. Die Schlussszene inszeniert die Schönheit des Rausches, der wir uns als Zuschauer:innen nicht entziehen können – ein dionysischer Tanz, ermöglicht durch die Volksdroge.

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg untersucht in seinem filmischen Schaffen vorzugsweise ausgehöhlte, meist patriarchale Rituale unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft. So auch hier. Auch dank exzellenter Schauspieler*innen ist ihm mit »Der Rausch« ein überzeugender Beitrag zu der ambivalenten Rolle, die Suchtmittel in unserer Leistungsgesellschaft spielen, gelungen.

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