Streaming-Tipp: »Die Geburt des Leoparden«

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2020
Original-Titel: 
Die Geburt des Leoparden
Filmstart in Deutschland: 
05.03.2020
Heimkinostart: 
07.07.2020
L: 
94 Min
FSK: 
6
Unverhofftes Gelingen

»Die Sünde, die wir Sizilianer niemals verzeihen«, heißt es im Roman, »ist schlicht und einfach die, überhaupt zu ›handeln‹.« War der Sizilianer, der diese Zeile schrieb, ein Sünder im heimatlichen Sinne? Giu­seppe Tomasi de Lampedusa griff nicht in die gesellschaftlichen Umbrüche ein; er wohnte ihnen nurmehr bei. Aber um der Liebe und der Literatur willen entwickelte er immensen Ehrgeiz. Den Welterfolg seines elegischen Niedergangsromans erlebte er nicht mehr. Sein Titelheld Fürst Salina ist das verschleierte Doppelporträt des Autors und seines Großvaters, dessen Tod einen Erbschaftsstreit auslöste, der, das ist wohl nur in Sizilien vorstellbar, hundert Jahre dauerte. 

Luigi Falorni, der sich mit seinem zweifelhaften Kindersoldatenfilm »Feuerherz« eigentlich nicht für eine solche Aufgabe empfahl, ist dennoch eine faszinierende Dokumentation gelungen. Sie hebt an mit einem zweifachen postumen Triumph – der Verleihung des Premio Strega, des wichtigsten italienischen Literaturpreises (wo Lampedusa sich gegen Pasolini durchsetzt) und Impressionen aus Cannes, wo Luchino Viscontis Verfilmung 1963 die Goldene Palme erhält –, und blendet sodann zurück in ein Leben, das schillert zwischen kindlicher Erfindungslust und Entzauberung. Falorni montiert historische Aufnahmen, Zeitungsillustrationen und nachinszenierte Zeugnisse von Weggefährten. Zwei Biografen kommen zu Wort und das Publikum kann sich sattsehen an Drohnenflügen über diverse Schlösser und Paläste. Das hat weitgehend Fernsehformat, ist aber kinotauglich.

Lampedusas Biografie folgt einem Wechselrhythmus von Lethargie, Dekadenz und spätem Aufbruch. Er verabscheute den mondänen Glanz Palermos, blieb aber der aristokratischen Familientradition verpflichtet. Deren fortschreitender Verfall ließ Müßiggang noch immer zu. Früh entwickelte er literarische Entdeckerfreude. Er gehörte zu den Ersten, die Proust und Joyce in Italien bekannt machten. Dieses sizilianische Leben war zugleich ein eminent europäisches. Der spätere Schriftsteller liebte London und Paris, seine Ehefrau stammte aus dem baltischen Adel. Alexandra von Wollf-Stomersee, die er mit an Stendhal geschulten Briefen umwarb, war nach der eifersüchtigen Mutter die zweite willensstarke Frau in seinem Leben und eine Pionierin der Psychoanalyse in Italien. Streng genommen handelt nur das letzte Viertel der Dokumentation von der Entstehung des Romans. Aber die gesamte Vita Lampedusas führt unweigerlich zu ihm hin.

Das große Glück dieses Films ist Gioacchino Lanza Tomasi, sein ehemaliger Schüler und dann Adoptivsohn. Seine Erzählungen weisen ihn als gewitzten, hinreißenden Zeitzeugen und -deuter aus. Er berichtet aus intimer Kenntnis und hält ironischen Abstand. Er ist ein kluger, wachsamer Siegelbewahrer von Tradition und Historie. Zauberhaft, wie der Film sich mit einer diskreten Abblende von ihm verabschiedet, als er am Familiengrab den Stab an seinen Sohn weitergibt.

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