Streaming-Tipp: »Rolling Thunder Revue«

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2019
Original-Titel: 
Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story by Martin Scorsese
Filmstart in Deutschland: 
11.06.2019
L: 
142 Min
FSK: 
12
A Bob Dylan Story by Martin Scorsese

Für alle Bob-Dylan-Fans ist Martin Scorseses neuer Film eine Wundertüte: Er ist einerseits Dokumentation der Konzerttournee, andererseits auch Spielerei, Zirkuszauber – und Blendwerk. Da sind zum einen, im 4:3-Format, die Bilder von der Tour 1975, allesamt den Aufnahmen für Dylans Film »Renaldo & Clara« (1978) entnommen: Backstage-Gewusel, wieder und wieder; Begegnungen (etwa mit Chief Mad Bear im Tuscarora-Reservat oder mit Allen Ginsberg am Grab von Jack Kerouac in Lowell); Busfahrten (oft mit Dylan am Steuer), Proben mit Freunden (darunter Joan Baez, T-Bone Burnett, Joni Mitchell, Bob Neuwirth). Dazu gibt es elf Bühnenauftritte, nicht in großen Stadien, sondern in kleineren Provinzhallen, in denen Dylan (oft mit weiß geschminktem Gesicht und durchsichtiger Maske) die wundersame Kraft seiner Musik entfacht.

Und da sind zum anderen, im 16:9-Format, spätere und heutige Bilder: von Dylan, der erzählt und kommentiert, und von alten Kumpanen, die sich erinnern (Ronee Blakley, Ramblin' Jack Elliott, Roger McGuinn, Sam Shepard und andere). Dazu tauchen Außenseiter auf, die zu blenden suchen (etwa ein Regisseur, der behauptet, er sei damals »the filmmaker« gewesen, oder ein Schauspieler, der vorgibt, ein Congressman zu sein und mit Jimmy Carter Dylan-Konzerte besucht zu haben).

Scorsese übernimmt da Dylans ästhetische Regeln, wonach das Wahre nie durch »straight answers« zu erreichen ist, sondern Geheimnisse und Rätsel voraussetzt. Die Texte brauchen das Poetische, die Musik innovative Rhythmen, die Filme das Unergründliche, um das Eindeutige des Fotografischen zu brechen. Warum die Maske auf der Bühne? Dylan, heute: »When somebody's wearing a mask, he's gonna tell you the truth.«

Frühe Zeichen für Enigmatisches in diesem Film bieten schon die ersten Bilder: Ausschnitte aus Georges Méliès' »Escamotage d'une dame au théâtre Robert Houdin« von 1896, wo Schnitte genügen, um eine Dame verschwinden und wieder erscheinen zu lassen. Danach die frühe Montagesequenz, die Proben von acht Songs an drei Orten zu einer Session fügt, unterschnitten mit kontrapunktischen Szenen. Den ersten Song, den Dylan dann auf der Tourbühne singt, ist »Mr. Tambourine Man«, in dem es heißt: »Take me on a trip upon your magic swirlin' ship. / My senses have been stripped (…). / I'm ready to go anywhere, I'm ready for to fade (…).« Hinweis darauf, dass es des Weiteren nicht mit rechten Dingen zugehen wird. Später bekennt die Violinistin Scarlet Rivera, Mr. Tambourine »gives us the opportunity to be whoever we wish to be«.

Masken. Rollenwechsel. Spiele um Sein und Schein. Wechsel zwischen Realem und Fiktivem. Das erinnert sehr an Dylans eigenen Film »Renaldo & Clara«. Auch da ging es um Masken, Fratzen und Schminke, um Irrungen und Wirrungen, um Täuschung auf Täuschung. Dylans Maxime, noch heute: »Life isn't about finding yourself (…). Life is about creating yourself.«

Was ist nur wirklich? Und was tatsächlich wahr? Darum kreist vieles, mit Dylan im Zentrum: Als Sänger (und Dichter) ist er Mitte der 1970er Jahre auf der Höhe seiner Kunst; die Arrangements etwa von »Isis«, »When I Paint My Masterpiece«, »Hard Rain« oder »I Shall Be Released« sind noch immer unerreicht. Seitdem gilt er als Legende: als Ikone der American Blues-, Country-, Folk-, Rock-Music. Als Zeitzeuge gibt er heute eher den grumpy old man. Rolling Thunder Revue? »It was so long ago, I wasn't even born.« Was von allem geblieben sei? »Nothing! Ashes!«

Nothing? Ashes? Aber dann hätte er doch sein Material aus »Renaldo & Clara« nicht zur Verfügung gestellt. Und nicht so lustvoll über sich und seine Zeit geredet, freimütig den weisen Alten gebend, oft mit ironischem Lächeln. Und alles nicht so offengelegt – inzwischen gibt es die Revue auf 14 CDs. Was von allem geblieben ist? Ein kulturrevolutionärer Aufbruch damals, gegen das Kommerzielle, bewusst und gezielt. Und für uns Zuschauer? Ein grandioser Zauber.

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