Queeres Kino: Irgendwie anders. Perfekt

»Tocuch Me Not« (2018). © Alamode Film

»Tocuch Me Not« (2018). © Alamode Film

Queeres Kino drehte sich früher vor allem um Homosexualität. Heute sind die Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen kaum noch zu überblicken: LGBT+. Und das zeigt sich auch im Film, in diesem Monat etwa dem Berlinale-Gewinner »Touch Me Not«. Einige Beobachtungen zum neuen ­Wildwuchs

Queer Cinema – das ruft die Namen von Pionieren wie Derek Jarman, John Waters oder Chantal Akerman ins Gedächtnis, die in ihren Filmen auf je eigene, experimentelle Weise Sehgewohnheiten und heteronormative Geschlechtsvorstellungen attackierten. Sie und viele andere produzierten Werke, die sich mit voller Absicht außerhalb des filmischen Mainstreams positionierten und so auf die gesellschaftliche Ausgrenzung ihrer Protagonisten hinwiesen. Im Jahr 2018 hingegen scheint der Begriff »Queer Cinema« so gut wie bedeutungslos, müsste er doch eine kaum in einen Topf zu werfende Vielzahl an Filmen zusammenfassen – von denen manche mehr als komfortabel aktuelle Sehgewohnheiten erfüllen.

Mit »Call Me by Your Name« etwa gelang Regisseur Luca Guadagnino ein formidabler Indie-Wohlfühlfilm, dessen Retro-Atmosphäre und softer homosexueller Erotik sich kaum jemand entziehen konnte. Im Gegensatz zu früheren queeren Mainstreamwerken wie »Brokeback Mountain« fehlte hier charakteristischerweise auch die tragische Fallhöhe. Noch weiter in den Mainstream drang Greg Barlantis »Love, Simon« vor – ein Film, dessen Triumph gerade darin besteht, dass er eine Highschool-Romanze ist, nur eben mit schwulen Protagonisten. Das Drama »The Miseducation of Cameron Post« erzählt von den fürchterlichen Erlebnissen eines lesbischen Mädchens in einem christlichen Umerziehungscamp – aber im gewohnten Modus des Coming-of-Age-Films.

»XXY« (2007). © Kool Filmdistribution

Nun aber zu glauben, dem Queer Cinema wäre der Kampfgeist verloren gegangen, ist falsch: Zum einen zeigen Filme wie der südafrikanische »The Wound« oder der kenianische »Rafiki«, dass Homosexuelle in anderen Teilen der Welt noch immer mit deutlich heftigeren Widerständen, oft sogar um Leib und Leben, zu kämpfen haben, zum anderen beschäftigen sich Filme zunehmend mit anderen Sexualitäten beziehungsweise der Fluidität von sexueller Identität.

Vom »Dazwischen-Sein«

Die 15-jährige Alex hat sich in Alvaro verliebt, den Sohn einer Freundin der Mutter. Als die beiden miteinander schlafen wollen, kommt es zum Schock – plötzlich dreht Alex den völlig verblüfften Alvaro um und dringt in ihn ein. Lucia Puenzos Film »XXY« erzählt von den Schwierigkeiten der intersexuell, also mit verschiedenen Geschlechtsmerkmalen geborenen Alex, die kurz vor der großen Entscheidung steht, ob eine Operation ihr Geschlecht für immer definieren soll. Die einsame, sturmumtoste Küste Uruguays bildet den passenden Raum für dieses Porträt eines hin- und hergerissenen jungen Menschen, dessen biologische Besonderheit (oder wie der Vater sagt: Perfektion) ein Leben innerhalb der heteronormativen Gesellschaft unmöglich zu machen scheint.

»Girl« (2018). © Universum Film

Das Dazwischen-Sein, das Unentschiedene eben nicht als Defekt, Fehler oder Mangel zu betrachten, dafür steht »XXY« ebenso wie viele andere Filme der letzten Zeit. Oft setzen diese Filme Jugendliche als ProtagonistInnen ein, weil sich das Ringen mit der Genderzugehörigkeit im Pubertätsalter besonders zuspitzen lässt – in diesem Jahr begeisterte etwa der belgische Debütfilm »Girl« mit seiner Darstellung eines als Junge geborenen Mädchens, das von einer Karriere als Balletttänzerin träumt. Noch früher setzt der französische Film »Tomboy« ein, in dem sich ein zehnjähriges Mädchen erfolgreich als Junge ausgibt: Zu Hause spielt Laure mit ihrer jüngeren Schwester mädchenhafte Spiele, doch draußen wird sie zu Michael, spielt Fußball und verdreht dem Nachbarsmädchen den Kopf. Die gesellschaftliche Konstruiertheit von Geschlechterrollen wird in dieser Auseinandersetzung besonders deutlich, ebenso wie ihre wortwörtlich spielerische Auflösung.

»Eine fantastische Frau« (2017). © Piffl Medien

Gerade in den letzten Jahren aber haben Filme und vor allem TV-Serien Trans- und Intersexualität auch in der Erwachsenenwelt thematisiert. Im Kontrast zu früheren Filmen zum Thema, wie etwa »Boys Don't Cry«, fokussieren Shows wie »Transparent« und Filme wie »Eine fantastische Frau« nicht hauptsächlich Erfahrungen von Gewalt und Ausgrenzung, sondern interessieren sich für das alltägliche Leben und Lieben ihrer Figuren – das selbstverständlich dennoch von gesellschaftlicher Intoleranz begleitet wird.
 
Kein Sex ist auch eine Lösung

Die Anfänge queerer Filmrezeption liegen in der perspektivischen Analyse klassischer Hollywood-Filme, die einem vermeintlich heteronormativen Bild folgen – dem sogenannten Queering. So konnte man beispielsweise in »Johnny Guitar« den ersten lesbischen Western erkennen oder im Film Noir »The Big Combo« zwei schwule Auftragskiller ausmachen. Wenn das Main­streamkino keine explizite Darstellung abweichender Identitäten zulässt, muss man nach dem Impliziten suchen. So ergeht es derzeit der Community der Asexuellen, die sich in ihren Internetforen als »Aces« bezeichnen.

Die Plattform »BuzzFeed« fragte online nach den beliebtesten Film- und Fernsehcharakteren der Menschen, die sich über die Abwesenheit eines Wunsches nach sexuellen Beziehungen definieren – denn offizielle, populäre Identifikationsfiguren sind rar gesät. Heraus kamen interessante Favoriten wie etwa der androgyne Android Data in »Star Trek« oder Luna Lovegood in den »Harry Potter«-Filmen – Individuen, die nicht von der Suche nach romantischen Beziehungen motiviert sind. Das schwierige, wissenschaftlich umstrittene Thema Asexualität wurde filmisch bisher eher selten verarbeitet. Ein aktuelles Beispiel wie das Drama »Am Strand« macht das Dilemma deutlich: Die Angst der weiblichen Hauptfigur Florence (Saoirse Ronan) vor sexuellem Kontakt liegt in einem vergangenen Trauma begründet, nicht in einer angeborenen Neigung.

»Am Strand« (2017). © Prokino

Deutlich konkreter setzt sich der diesjährige Gewinner des Goldenen Bären mit der Ablehnung von Intimität auseinander: »Touch Me Not« folgt im semi-dokumentarischen Stil Laura, einer Frau Mitte 50, die Berührung nicht erträgt, gleichzeitig aber unter dem Mangel an körperlicher Nähe leidet. In therapieartigen Begegnungen mit unterschiedlichen Gesprächspartnern – einer transsexuellen Sexworkerin, Menschen mit Behinderung – versucht sie zu den Ursprüngen ihres Zustands vorzustoßen. Der Regisseurin Adina Pintilie geht es in ihrem Film vor allem darum, die Ambivalenz von Identitäten und das breite Spektrum von Sexualität zu repräsentieren. Der klinische, kühle Stil des Films scheint Lauras Erfahrung von Asexualität auch visuell erfahrbar machen zu wollen.

Alles ist möglich

Lassen sich die bisherigen Beispiele allesamt in realen, menschlichen Erfahrungen verorten, ist der zurzeit vielleicht am schnellsten wachsende Spielplatz abweichender Sexualitäten der virtuelle Raum mit seinen fantasievollen, oft transhumanen Avataren. Das reicht vom erotischen Queering einer Zeichentrickserie wie »My Little Pony« über explizite, inoffizielle Fanfiction bis hin zu den sich erst gerade eröffnenden Möglichkeiten von Virtual Reality – dem Wechseln von Rollen sind so gut wie keine Grenzen gesetzt.

Aber auch Film und Fernsehen stoßen in diese, meist dem Fantasy- oder Science-Fiction-Genre zuzuordnenden Bereiche vor. Der Mexikaner Amat Escalante beschwor in seinem schrägen Erotikdrama »The Untamed« ein an japanische Hentai-Comics angelehntes Tentakelmonster herauf, das Männer wie Frauen in Ekstase versetzt – generell kann japanische Animationskunst auf eine lange Tradition sexueller Vielfalt zurückblicken und gilt daher vielen westlichen Künstlern als Vorbild.

In der populären Netflix-Serie »Sense8« erkunden die Wachowski-Schwestern ­(»Matrix«) die Geschichten von acht unterschiedlich orientierten Menschen, die geheimnisvollerweise über ihre Sinneswahrnehmung miteinander verbunden sind. Das führt unter anderem zu einer bereits berühmt gewordenen queeren Sexszene, in der die acht Auserwählten, obwohl auf dem ganzen Erdball verteilt, gemeinsam den ­Höhepunkt erleben. Der Titel einer »Sense8«-Episode könnte gut als Überschrift für ein noch nicht existierendes Manifest des aktuellen queeren Kinos fungieren: »Wenn die Welt eine Bühne ist, sind Identitäten nur Kostüme.«

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