Nahaufnahme von Domhnall Gleeson

Auf den Spuren von James Stewart
Domhnall Gleeson in »Ex Machina« (2015). © Universal Pictures

Domhnall Gleeson in »Ex Machina« (2015). © Universal Pictures

In den neuen »Star Wars«-Filmen steht er als General Hux auf der dunklen Seite der Macht. Typischerweise aber spielt der Ire Domhnall Gleeson Figuren mit Idealen, Leute, die versuchen, das Richtige zu tun. Das gibt ihm in unseren unsicheren Zeiten eine fast unwiderstehliche Aura

An großen, vielleicht sogar unvergesslichen Bildern mangelt es Joe Wrights Verfilmung von Leo Tolstois »Anna Karenina« wahrlich nicht. Seine Bühnenkreationen, die Annas tragische Liebesgeschichte als pathetisches Spiel porträtieren und das Russland des 19. Jahrhunderts als Potemkin'sche Welt grandioser Kulissen und hohler Konventionen entlarven, haben zweifellos etwas Atemberaubendes. Aus der radikalen Künstlichkeit, die Wright zum visuellen Konzept des Films erhebt, erwächst nach und nach eine andere Form von Wahrhaftigkeit. Dennoch sind es letztlich nicht die Dekors und die manchmal fast schwindelerregenden Kamerafahrten, die dieser gewagten Annäherung an Tolstoi emotionales Gewicht verleihen. Das sind vielmehr die Gesichter und Körper der Darstellerinnen und Darsteller. Sie brechen Wrights hoch aufbrandende Bilderflut immer wieder, sie erden den Rausch der Farben und Bewegungen. Und keiner der Schauspieler entzieht sich dem kunstvoll künstlichen Treiben so konsequent wie Domhnall Gleeson.

In der Rolle des Bauern und Großgrundbesitzers Levin gelingt es dem 1983 in Dublin geborenen Sohn des Schauspielers Brendan Gleeson nicht nur, dem Zuschauer Tolstois konservative Vision von einem erdverbundenen, tiefreligiösen Leben näherzubringen. In Domhnall Gleesons zurückhaltendem, aber bestimmtem Spiel scheint tatsächlich die Möglichkeit einer anderen Welt auf. Dabei ist er eigentlich nur eine Randfigur in Anna Kareninas tragischer Geschichte, auf die sich Wright in seiner Adaption weitgehend konzentriert. Aber in einer dieser unvergesslichen Einstellungen, die weit über das Erzählte hinausreichen, wird Gleeson zum Zentrum des Bildes und der Welt. Der Großgrundbesitzer Levin hat wieder einmal selbst zur Sense gegriffen und mit seinen Arbeitern das Heu gemäht. Nun steht er mitten auf einem der riesigen Heuhaufen wie auf einem Berggipfel und blickt in die Ferne. In diesem Moment strahlt Gleeson eine Ruhe und Stärke aus, die ihm fast etwas Messianisches verleiht.

Oberflächlich betrachtet gibt es kaum etwas, das Gleesons Rollen miteinander verbindet. Bisher ist ihm etwas geglückt, was nur den wenigsten prominenten Filmschauspielerinnen und -schauspielern gelingt: Er hat sich nicht auf einen Figurentypus oder ein Genre festlegen lassen. So folgte auf seinen eindrucksvollen Auftritt in »Anna Karenina« gleich seine erste große Hauptrolle – aber in einer ganz anderen Art von Film. In Richard Curtis' romantischer Zeitreisekomödie »Alles eine Frage der Zeit« betrat er das Territorium von Hugh Grant und Ryan Reynolds.

Dabei wirkt Gleeson mit seinem schlaksigen Körper, seiner extrem hellen Haut und seinen meist ungekämmt erscheinenden roten Haaren überhaupt nicht wie der typische Held einer romantischen Komödie. Aber gerade das macht den Reiz des ansonsten recht konstruierten Films aus. Als Tim von seinem Vater erfährt, dass er wie alle Männer in der Familie in der Zeit zurückreisen kann, beschließt er, diese Fähigkeit ganz in den Dienst der Liebe zu stellen. Die Verwicklungen, die daraus entstehen, folgen, wie bei Richard Curtis, dem Autor von »Notting Hill« und »Bridget Jones«, nicht anders zu erwarten, den klassischen Konventionen des Genres. Nur gibt Gleeson ihnen einen anderen Dreh. Er ist kein Traumprinz, den es zu erobern gilt. Er hat eher etwas ganz Alltägliches an sich. Man glaubt sofort, Tim zu kennen, und findet sich in seiner Unsicherheit und seinen Schwächen wieder. Wenn er sich bei dem Versuch, die von Rachel McAdams gespielte Amerikanerin Mary anzusprechen, blamiert, ist das keine klassische Comedynummer, sondern ein zutiefst berührender Moment, der seine Romantik gerade aus Tims Unbeholfenheit zieht.

Dieser Eindruck von Natürlichkeit, diese gänzlich ungekünstelte Haltung, die gar nicht wirkt, als würde er eine Rolle spielen, ist so etwas wie das verbindende Element in Domhnall Gleesons Schaffen. Ob er nun wie in Angelina Jolies seltsam nüchternem Durchhalteepos »Unbroken« einen Piloten der US-amerikanischen Luftwaffe spielt, der nach dem Absturz seines Flugzeugs in einem Schlauchboot 45 Tage lang auf dem Pazifik treibt und schließlich in japanische Kriegsgefangenschaft gerät, oder wie in James Marshs bitterem Politthriller »Shadow Dancer« einen hitzköpfigen IRA-Terroristen verkörpert – seine Figuren verströmen immer etwas Wahrhaftiges. Aber Gleeson geht nicht nur in diesen Rollen auf. Er rückt sie ganz nah an den Betrachter heran. Connors Ausbrüche in Shadow Dancer sind furchterregend. Trotzdem ist er die einzige Figur in Marshs illusionslosem Panorama eines nur von Intrigen und internen Ränken getrie­be­nen Konflikts, der man bedingungslos vertraut.

Connor ist wie Levin und wie Caleb, der Programmierer, der sich in Alex Garlands »Ex Machina« beinahe im Bannkreis seines Bosses, des Dotcom-Milliardärs und IT-Genies Nathan, selbst verliert, ein Idealist. ­Domhnall Gleesons Figuren stehen in der Regel zu ihren Vorstellungen und Überzeugungen. Das verleiht ihnen eine Aura, der man sich nicht entziehen will. In Zeiten, in denen nichts mehr sicher ist und keinerlei Werte Bestand haben, geben einem Menschen, die wie Caleb oder auch der Möchtegernmusiker und -songwriter Jon Burroughs in Lenny Abrahamsons Frank selbst im Scheitern noch versuchen, das Richtige zu tun, ein wenig Hoffnung. In dieser Hinsicht erinnert Domhnall Gleeson an Kino-Ikonen wie James Stewart und Tom Hanks. Allerdings wagt er sich auch vorbehaltlos in Abgründe vor.

»Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht« (2015). © Disney

Selbst General Hux, der eiskalte Zerstörer ganzer Zivilisationen aus J.J. Abrams' »Star Wars: Das Erwachen der Macht«, ist letztendlich eine typische Gleeson-Figur. Nur lotet er in dieser Rolle wie schon in seinem kurzen und extrem furchterregenden Auftritt als Serienkiller Freddie Joyce in John Michael McDonaghs »Am Sonntag bist du tot« die dunkle Seite all der idealistischen Außenseiter aus, die er in seinen anderen Filmen porträtiert. Wenn Gleeson als General Hux scheinbar ungerührt seine mörderischen Anweisungen gibt, erkennt man in ihm die Diktatoren und Kriegsherren des 20. Jahrhunderts wieder und erinnert sich so, wie schnell auch aus Idealen Terror erwachsen kann.

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