Kritik zu Am Sonntag bist du tot

© Ascot Elite

Brendan Gleeson als aufrechter Priester gegen jede Chance. In einem kleinen irischen Küstenort muss er sich mit den Vergehen seiner Gemeinde und den Sünden der Kirche selbst auseinandersetzen. Ein Priesterfilm, von John Michael McDonagh als vielschichtiges Gesellschaftsporträt inszeniert

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.666665
3.7 (Stimmen: 3)

Von Don Camillo bis Pater Brown, von Bressons Tagebuch eines Landpfarrers bis zu Hitchcocks Ich beichte reicht das unerforschte und schöne Subgenre des Priesterfilms, in dem es immer um alles geht, um Komik und Tragik, Leben und Tod, das Körperliche und das Spirituelle, Liebe und Erlösung. Der Priester ist dabei stets ein Beobachter und Außenseiter, bestenfalls ein unsicherer Mittler, der sich mit seinen weltlichen Gegenspielern um das Wohl seiner Gemeinde streitet. Manche Priesterfilme wie Premingers Der Kardinal oder Melvilles Eva und der Priester gehören erstaunlicherweise zu den sinnlichsten Werken der Filmgeschichte.

Dieses klassische kleine Genre der Versöhnung haben Regisseur und Autor John Michael McDonagh und der Hauptdarsteller Brendan Gleeson, die schon in The Guard zusammengearbeitet haben, neu belebt. Und mit dem Genre beschwören sie eine differenzierte Sichtweise auf die Figur des katholischen Pfarrers jenseits von allgegenwärtiger medialer Satire und Häme. Der Charakter des irischen Dorfpriesters James Lavelle ist also auch eine Provokation: ein vollkommen guter Mensch mit Vergangenheit, der das Leben kennt in allen Facetten und jetzt die Sünden der Dorfbewohner und vor allem der Kirche selbst auf sich nehmen muss. Gleeson, dieses rotbärtige Raubein, der in seiner Karriere schon Cop und Gangster war, stellt den Priester dar als Mann am Abgrund des Zweifelns und am Rande der Verzweiflung. Der Haudegenpriester wird zu Gottes einsamstem Kämpfer, letztendlich zur Christusfigur.

John Michael McDonagh wie auch sein Bruder Martin McDonagh (Regisseur und Autor von Brügge sehen… und sterben?) sind Meister des gut gemachten Drehbuchs. Sie lokalisieren in fast all ihren Filmen internationale Themen an halbvergessenen, pittoresken Orten Europas. Dabei laufen sie manchmal Gefahr, die idyllischen locations und schrägen Charaktere in wunderlichen Geschichten allzu perfekt miteinander zu verzahnen. Ein wenig ist diese Gefahr auch hier zu spüren, in der allzu brillanten, theaterhaften Konstruktion der Story, die dem Zuschauer kaum Raum lässt für eigene Gedanken.

Die Gemeinde des James Lavelle ist also sehr irisch und doch auch ins Globale weisend. Da sind die Gegenspieler des Priesters, die im Kampf um das menschliche Heil eigentlich seine Verbündeten sein müssten: der desillusionierte Arzt, der alte Poet, der schwule, pragmatische Polizist. Und da sind die Menschen, um die sich Lavelle kümmert, die Sünder und Opfer, die Egoisten und Skeptiker, allesamt rebellisch, gemein und verletzlich zugleich angesichts der irischen Banken-, Kirchen- und Autoritätskrise. Es treten auf: eine treulose Ehefrau, ihr zynischer Mann und ihr verunsicherter farbiger Lover; ein desperater Stricher und ein Jungmann ohne Liebe und Sex; ein arroganter Banker zwischen Gier und Depression; eine junge Frau, deren vollkommenes Glück zerstört wird; ein grimmiger Wirt, der zum Buddhismus tendiert; ein junger Schwerverbrecher, der eine Bestie sein soll... Eine wahre Flut an Hass, Tragik und Traurigkeit schlägt dem Priester entgegen. Was an Komik aufblitzt, wird schnell von Schwere und Düsternis erstickt. Gleesons ausdrucksstarkes Gesicht wird zu einer schwermütigen Landschaft des menschlichen Seins. Einer aus dieser bedrückenden Gemeinde hat dem Priester eine schwerwiegende Beichte abgelegt. Er, der Beichtende, sei als Kind von einem Kirchenmann missbraucht worden. Um diesen Missbrauch zu rächen, wolle er einen unschuldigen Priester ermorden. Seine Wahl sei auf Lavelle gefallen.

McDonaghs Film ist also auch noch ein Thriller. Am Sonntag soll Lavelle sterben, so die Ankündigung des Beichtenden. Aber vor diesem ominösen Showdown ist der Priester schon ermordet worden. Als ihm ein Vater Missbrauchsgedanken unterstellt, nur weil er sich mit dessen Tochter über Gott und die Welt unterhalten hat. Die Unschuld kann niemand mehr wahrnehmen.

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