Léa Seydoux: Ein schönes Schillern

Diese Frau ist ein Kraftfeld
Léa Seydoux am Set von »Keine Zeit zu sterben« (2020). © Danjaq / MGM

Léa Seydoux am Set von »Keine Zeit zu sterben« (2020). © Danjaq / MGM

Fast 50 Filme hat sie mit 36 schon ­gedreht. Rollen jeder Couleur: ­Liebhaberinnen, Agentinnen, ­Dienstmädchen, Bohemiennes. ­Gemeinsam ist den Auftritten von Léa Seydoux etwas ­Rebellisches, ­Entschlossenes. Im Herbst kommt sie mit drei Filmen ins Kino: ­Komödie, Thriller, ­Literaturadaption. Gerhard Midding über eine Schauspielerin, der man alles zutraut

Das Leben als eine Wette? Diese Idee gefällt der schönen Unbekannten, auch wenn der Einsatz hoch ist: eine Heirat. Den Antrag des stattlichen Fremden, der sich als Kapitän vorgestellt hat, nimmt sie amüsiert zur Kenntnis. Sein Ansinnen – er hat tatsächlich mit einem Freund gewettet, er würde die nächste Frau heiraten, die das Café betritt – beleidigt sie nicht. Ihr Blick ist prüfend. Sie lässt sich auf den Handel ein; vielleicht ist sie schon immer ihren Launen gefolgt. 

Mit Sicherheit lässt sich das nicht sagen, denn Lizzy (Léa Seydoux) ist undurchschaubar. Sie könnte eine Erscheinung sein, eine Luftspiegelung, am Anfang und am Ende von Ildikó Enyedis »Die Geschichte meiner Frau«. Für Kapitän Störr (Gijs Naber) wird ihre Ehe ein Kreuzweg. Seine Gattin spielt perfekt auf der Klaviatur von Hingabe und Unerreichbarkeit. Die Eifersucht raubt ihm fast den Verstand, und sie verachtet ihn dafür, dass er nicht ohne sie leben kann. Ob nicht auch für sie ihre Ehe ein Martyrium ist, bleibt ein Geheimnis, das die Schauspielerin nie preisgibt. 

Mit den Figuren, die Léa Seydoux spielt, hat niemand leichtes Spiel. Das bekommt auch Daniel Craig als James Bond in ­»Spectre« zu spüren. Madeleine Swann (ein exquisit Proust'scher Name), die er auf Geheiß ihres Vaters beschützen soll, wehrt sich erbittert gegen seine Fürsorge. Es dauert eine halbe Stunde, bis sie ihm ein knappes Lächeln schenkt. Auch nachdem er sie wiederholt vor ihren Widersachern rettet, bleibt sie eine widerspenstige Kontrahentin. Die Liebe zu einer solchen Frau kann nur ein Pakt sein, den Ebenbürtige schließen. Ob er in »Keine Zeit zu sterben« noch Bestand hat, ist eine der großen Fragen dieser Kinosaison. 

»James Bond 007 – Spectre« (2015). © Sony Pictures

Das ist gut so, denn wann hätte man sich je für eine französische Schauspielerin begeistert, deren Figuren brav und folgsam sind? Vielleicht liegt es daran, dass sie aus dem Land der großen Revolution stammen. Es würde uns langweilen, wenn sie sich mit den Verhältnissen abfänden. Ihr Mandat ist das Aufbegehren. Wir erwarten von ihnen, dass sie Unruhe stiften und sich den Konventionen widersetzen. Sie sollen Sand ins Getriebe streuen. 

Léa Seydoux entspricht auf Anhieb diesem Archetyp. Jedoch verleiht sie ihm eigene Nuancen der Provokation und Entschlossenheit. Man muss sich nur einmal anschauen, wie verwegen sie wirkt, wenn sie lässig eine Zigarette zwischen den Lippen balanciert! Sie blüht auf in unsortierten Verhältnissen, den Leidenschaften zu dritt oder zu viert, in denen die Geschlechterrollen ausgehebelt werden. Diese Linie zieht sich durch ihre gesamte Filmografie. Eine Stegreifliste: »Das schöne Mädchen«, Christophe Honorés moderne Variation der »Princesse de Clèves«; Benoît Jacquots »Leb wohl, meine Königin«, wo sie die anfangs arglose Vorleserin von Marie Antoinette spielt (ausnahmsweise auf der falschen Seite der Revolution) und in ein Geflecht erotischer Rivalitäten gerät; Bertrand Bonellos »Saint Laurent«, wo sie Loulou de la Falaise nicht nur als Muse des Modeschöpfers, sondern als eigensinnigen Satelliten in dessen Kosmos der Verwandlung und frei schwebenden Geschlechterbilder interpretiert. Ihre Rolle als junge Malerin in Abdellatif Kechiches »Blau ist eine warme Farbe« erzählt im zweiten Kapitel freilich auch von der Ernüchterung des Rausches, von der schleichenden Verbürgerlichung einer lesbischen Liebe, aus der sie brüsk den Ausweg eines Seitensprungs wählt.

Fast fünfzig Filme hat sie in gerade einmal fünfzehn Jahren gedreht. Umstandslos wechselt sie zwischen Autorenfilmen und Blockbusterkino. Sie ist kein französischer Exportschlager, wie es vor ihr Audrey Tautou und Marion Cotillard zeitweilig waren, sondern eine Schauspielerin, die sich genau überlegt, welchen Platz sie im Gegenwartskino einnehmen will. Für diese Strategie ist ihr Auftritt als mondäne Auftragskillerin in »Mission: Impossible – Phantom Protokoll« ebenso wichtig wie die Hauptrolle der Arbeiterfrau in einem »kleinen« Film wie »Grand Central«. Sie stellt sich der He­rausforderung, vielseitig zu sein. 

In Interviews zitiert sie gern François Truffaut, der meinte, eine Schauspielerin sei wie eine Vase, in die man Blumen stellt. Diese unglückliche Metapher trifft auf ihre Karriere ganz und gar nicht zu. Zwar sind ihre Lust und Neugierde zu spüren, sich in die Universen so unterschiedlicher Filmemacher wie Cathérine Breillat, Quentin Tarantino, Raoul Ruiz, Woody Allen, Arnaud Desplechin und David Cronenberg – in seinem neuen SF-Thriller »Crimes of the Future« – zu begeben. Sie setzt sich ihrem Blick aus. Aber ein leeres Gefäß ist sie nicht. 

Vielmehr stellt sie, als Schauspielerin wie als Kinofigur, eine unerhörte Herausforderung dar. Man spürt sofort, dass es bei ihr immer ums Ganze geht. Seydoux ist ein Kraftfeld, das die Verhältnisse zuspitzt. Sie hält dem Blick der Kamera stand, auch wenn er ungewöhnlich lang und beharrlich auf ihr ruht. In Leb wohl, meine Königin ist sie in jeder Einstellung zu sehen und gibt die Erzählperspektive vor; auch in Jacquots »Tagebuch einer Kammerzofe« kann sie die aufsässige Célestine von Szene zu Szene weiterentwickeln. 

»Plein Sud – Auf dem Weg nach Süden« (2009). © Salzgeber

Dabei verleiht sie durchaus gegensätzlichen Figuren Kontur. Dennoch stellt sie eine innere Verwandtschaft zwischen ihnen her: Sie legt ihre Rollen als emotionale Entdeckungsreise an. In »Plein Sud – Auf dem Weg nach Süden« nimmt das die Form eines Roadmovie an, an dessen Beginn sie eine lebensüberdrüssige, provozierende Lolita gibt (eine vergebliche Verführerin, da die zwei Weggefährten schwul sind), die später reifer wird. 

Ihre Filme sind vielschichtige Bildungsromane. Seydoux' Figuren mögen mitunter schüchtern und verschlossen wirken, aber sie sind furchtlos. Oft träumen sie von einem aufregenderen, riskanteren Leben. Dann liegt in ihrem Blick tiefe Geringschätzung für die anderen, die weniger Mut besitzen und sich mit dem Mittelmaß begnügen. Diese Figuren wollen sich Zutritt zu sozialen oder erotischen Sphären verschaffen, die ihnen bislang verwehrt blieben. Sie folgen dem Impuls, sich einem großen, dramatischen Schicksal zu stellen. Das gilt für die liebende Tochter und sodann gebieterische Gefangene in Christophe Gans' exzentrischer Version von »Die Schöne und das Biest« ebenso wie für die kaltblütige Anführerin der Untergrundbewegung in »The Lobster«. Ihre Charaktere erstreiten sich, worauf sie ein Anrecht haben. 

Die Schauspielerin wurde allerdings auch in eine Welt der Privilegien hineingeboren: in den Serail, den inneren Kreis des französischen Geldadels. Ihre Mutter stammt aus einer der großen protestantischen Familien Frankreichs, der Familie Schlumberger, die einst im Textil- und Ölgeschäft das fünftgrößte Vermögen des Landes anhäufte. Ihr Vater ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der beispielsweise Anteile an dem Schuhkonzern Louboutin hält, Drohnen herstellt und Bluetooth vermarktet. Seydoux' Jugend war zugleich unmittelbar ins Filmgeschäft eingebettet: Ihre Mutter trat in Maurice Pialats »Auf das, was wir lieben« auf, ihr Großvater ­Jérôme leitet ­Pathé, und ihrem Großonkel Nicolas gehört der zweite dominierende Filmkonzern Frankreichs, Gaumont. Den Verdacht des Nepotismus mag man indes nicht über ihre Karriere verhängen. »Mein Großvater hat nie einen Finger für mich gerührt«, sagt sie, »ich habe ihn auch nie darum gebeten.« 

»The Lobster« (2015). © Sony Pictures Home Entertainment

Ihr Talent ist ohnehin das überzeugendste Argument für den Erfolg, den sie international feiert. Sie besitzt die Gabe, Figuren auch in elliptisch, lakonisch erzählten Filmen wie »Plein Sud« augenblicklich Evidenz zu verleihen. Obwohl Seydoux in »The Lobster« und »Spectre« erst nach einer Stunde auftritt, prägt ihre Präsenz die Filme entscheidend. Dabei ist sie keineswegs nur der Angelpunkt von Geschichten, in denen sie Hauptrollen spielt. Auch ihre Nebenfiguren sind markant. Sie investiert hinreichend viel in sie, verteidigt ihre Stellung.

Seydoux' Vielseitigkeit ist weniger rätselhaft, als man annehmen sollte. Ihre Erscheinung setzt ihrer Rollenauswahl kaum Grenzen. Ihr Gesicht kann lieblich wirken oder spröde. Sie tritt nicht nur im Ambiente historischer Epochen überzeugend auf, sondern ebenso als Angehörige unterschiedlicher Kulturen oder Gesellschaftsschichten. Ihr liegen auch proletarische Figuren. Nur in »Kursk« erkennt man sie nicht sofort als schwangere Frau eines russischen U-Boot-Kapitäns. Während der Dreharbeiten erwartete sie selbst ihr erstes Kind, wollte dieses Engagement aber auf keinen Fall verpassen und brachte so die physischen Veränderungen, die sie durchlebte, in die Rolle ein. Das Pfund, mit dem sie wuchern kann, ist ihre Glaubwürdigkeit. 

Allerdings ist der sozialen Realität in ihren Filmen oft ein doppelter Boden eingezogen. Es ist bezeichnend, dass Ursula Meier über ­ihren Film »Winterdieb« sagte, er sei eigentlich ein Märchen. Das klingt zunächst paradox: Zu präzise scheint der Blick auf die Zweiteilung der Gesellschaft, deren privilegierter Teil ein bequemes Leben in einem Ski-Resort führt, während der andere ein tristes, prekäres Dasein in grauen Sozialbauten fristen muss. Aber auf den zweiten Blick wird sichtbar, wie symbolgefügt diese Wirklichkeit konstruiert ist. 

Dieses Moment des Verwunschenen, der entschlossen zu bewältigenden Aufgaben findet sich in vielen Filmen von Seydoux. In »Blau ist eine warme ­Farbe« taucht sie anfangs wie eine Fee mit blau gefärbten Haaren auf: Die Liebe ist auch Verzauberung. Das gilt erst recht für »Die Schöne und das Biest«, wo sie das Geschick ihrer verarmten Familie auf magische Weise zum Guten wendet und überdies die Bestie von ihrem Fluch erlöst. Domestizieren lässt sich Léa Seydoux auch im Märchen nicht. Sie bewahrt die Deutungshoheit über ihr Schicksal, wenn sie es ihren Kindern als Gutenachtgeschichte erzählt. 

Wenn man es genau betrachtet, ist auch Madeleine Swann die Heldin einer bösen Feerie: die Tochter, die vom Fluch des Vaters befreit werden muss. Dass Bond und sie am Ende von »Spectre« Hand in Hand der Zukunft entgegengehen, ist in seiner märchenhaften Logik konsequent. Madeleine ist die erste Frau, die Bond liebt und die ihre Begegnung überlebt. Auch sie befreit ihn aus einem Fluch. Wem außer ihr könnte man einen solch mächtigen Gegenzauber zutrauen? 

Natürlich ist auch das eine Frage der Glaubwürdigkeit: Seydoux erdet Fantasien, ohne sie zu entlarven. Das lässt sie zu einer Komplizin ihrer Regisseure werden. Und nicht zuletzt zu einer patenten Bewohnerin des filmischen Universums von Wes Anderson, sogar zu einer dauerhaften: »The French Dispatch« ist schon ihre dritte Zusammenarbeit. Das ist ein verdientes Bleiberecht. Angesichts des Ernstes, den sie meist ihren Charakteren verleiht, ist es erstaunlich, welch gute Figur sie auch in Komödien macht. Ihre Präsenz fügt sich in das bunte Design von Andersons Welt, ohne darin zu verschwinden. Bei ihm sind schließlich alle Außenseiter, die dazu gehören. Diesmal spielt sie eine Gefängniswärterin, die ihre eigenen ruchlosen Pläne verfolgt. Eine Wächterin hat Léa Seydoux bislang noch nicht gespielt. Als Insassin könnte man sie sich eher vorstellen. Aber der Fantasie dieser Schauspielerin sind ­keine Grenzen gesetzt. 

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