Kritik zu Leb wohl, meine Königin!

© Capelight Pictures

Nach der gleichnamigen Romanvorlage von Chantal Thomas entwirft Benoît Jacquot einen atmosphärisch dichten Revolutionsfilm um Marie Antoinette und ihre Vorleserin Sidonie

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Das Verwechsel- und Verkleidungsspiel zwischen Adel und Dienerschaft amüsiert seit über 300 Jahren die französischen (und andere) Theaterbesucher und lieferte einst – auf galante Art – einen Vorgeschmack auf die revolutionären Zeiten, die 1789 mit brachialer Gewalt dem höfischen Treiben ein Ende setzen sollten. Marie Antoinettes Vorleserin Sidonie (Léa Seydoux) im Film Leb wohl, meine Königin! befindet sich also in guter Gesellschaft, wenn sie auch weniger frivol auftritt als die intrigante Vorgängerschaft, gar prüde gescholten wird und viel zu treu und ehrlich ist für den verderbten Hofstaat. An jenem Schicksalsmorgen, dem 14. Juli 1789, schreckt Sidonie morgens um sechs Uhr aus dem Schlaf, hat noch nicht die passende Lektüre für ihre Königin parat, dazu Mückenstiche am Arm und – nach dem Sturz auf dem kopfigen Hofpflaster – noch Dreck am Rocksaum. Aus der Domestikenperspektive erzählt dieser etwas schmuddelige Kostümfilm, der gleich damit anfängt, gärende Tümpel, tote Ratten und die klaustrophobische Enge der eigentlich weitläufigen Schlossanlage von Versailles ins Bild zu rücken, wo sich Hofstaat und Bedienstete die Plätze streitig machen. Umso prachtvoller erscheinen die in goldenen Glanz getauchten Prunkgemächer wie auch die Kostüme der exzentrischen weltfremden Königin (Diane Kruger), die vor allem hoffnungslos verliebt in ihre von jedermann gehasste Gespielin, die Marquise de Polignac (Virginie Ledoyen), zu sein scheint.

Der Film bleibt Sidonie auf den Fersen, die ihre Königin wie eine Göttin verehrt, in sie verliebt ist bis in den Tod. Sie scheint als Einzige nicht zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht, so sehr ist sie in die Stickerei eines Blumenmusters für die neue Robe der Königin vertieft. Zum Staunen ist die Vertrautheit der beiden, die Anteilnahme der Königin am Wohlbefinden der Dienerin, ihr Vergnügen beim gemeinsamen Lesen – natürlich erotische Literatur – während die Hofschranzen schon anfangen, den Hofstaat zu plündern und die Koffer zu packen. Um die königliche Selbstvergessenheit brandet die Gerüchteküche vom Sturz der Bastille, das ganze Schloss scheint nächtens treppauf, treppab in Bewegung, um die intime Kerzenbeleuchtung zum Flackern zu bringen. Kerzenschimmer, wie erstmals in Kubricks Barry Lyndon, verbreitet sein unwiderstehliches Chiaroscuro, jenes Zwielicht, aus dem sich schattenhaft eine neue Gesellschaft formiert. Auch das Tempo des Films, der rastlos, wenn nicht panisch durch Gemächer, Gänge und Parkanlagen eilt, auch wie der Teufel hinter Sidonie her ist, sie in Rückenansicht verfolgt, ordnet sich der im Aufruhr befindlichen Zeitgeschichte unter, die sich auf der Überholspur selbst in die Grenzen weist. Ähnlich steht es mit der modernen Musik von Bruno Coulais, die sich wie ein Kontrapunkt gegen die höfischen Tänze zu erheben scheint, auf Harmonie und Schönheit eindrischt, denen wie Sidonies großer heimlicher Liebe bald der Garaus gemacht wird. Marie Antoinettes flatterhafte Egomanie und störrische Weltfremdheit sind nur das i-Tüpfelchen in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Das alles geschieht, ohne dass die Schlossanlage verlassen wird. Noch kursieren nur die Listen mit den Namen der ins Visier genommenen Opfer, die Köpfe rollen woanders, das Volksgeschrei ist noch fern. Doch wer flüchten kann, ist schon auf dem Sprung. Sidonie ist unter ihnen, ihr letzter Liebesdienst für ihre Königin ist ein Bauernopfer. In ihrer Verkleidung wird sie zur Der König muss nach Paris: Marie Antoinette (Diane Kruger) in Versailles wahren Königin, die dereinst das Zepter schwingen wird. Das ist das ganze Geheimnis der Geschichte, die keine Sekunde verheimlicht, wo sie in Wirklichkeit steht.

Man kann sich trotzdem über die Notwendigkeit von Kostümfilmen aus der Feudalzeit oder mit feudalem Personal aus dem letzten Jahrhundert streiten, die derweil Konjunktur haben. Autorin Chantal Thomas hat ihren Roman (2002, Prix Femina) im Gefolge des 11. September geschrieben und verweist auf die vergleichsweise große allgemeine Unsicherheit vor 200 Jahren. Der Regisseur hat sich zum Glück jeder Anspielung auf die heutige Zeit enthalten und bleibt bei seiner zeitbezogenen psychologischen Studie einer Domestikin, die in Léa Seydoux eine überzeugende und anrührende Darstellerin gefunden hat.

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