Kritik zu Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes

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Der polnische Regisseur Jan Komasa (»Corpus Christi«) versteht es, sich smart zu entwurzeln. Sein zweiter englischsprachiger Film (nach »The Change«) zielt darauf ab, dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

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Ein Film hat bereits eine Menge richtig gemacht, wenn man sich seine Handlung an keinem anderen Ort vorstellen kann als dem, wo er sie angesiedelt hat. Der abgeschiedene Landsitz, aus dem finstere Geschehnisse nicht nach außen dringen und an dem sich das Wesen eines Fremden unwiderruflich verändert, hat in England eine lange literarische und filmische Tradition. Auch die sprachlichen Gepflogenheiten des Landes, die höfliche Neigung zu Verschleierung und Euphemismus, spielen dieser Geschichte zu. Nehmen wir nur einmal das Adjektiv »nasty«, das im britischen Gebrauch ein immenses Bedeutungsspektrum umfasst: Es kann böse, fies, grauslich oder einfach schlimm meinen.

Dabei spielte das Drehbuch, das Jan Komasa von seinen polnisch-britischen Produzenten angeboten wurde, ursprünglich in Warschau. Aber »Good Boy« fängt schon angemessen »nasty« an, indem wir brüsk mit dem 19-jährigen Tommy (Anson Boon) konfrontiert werden, der sich ins hochtourige, drogeninduzierte Partyleben stürzt und ein Kotzbrocken vor dem Herrn ist. Seine liebenswürdige Freundin würdigt er keines Blickes, macht vor ihren Augen andere Mädchen an, beleidigt alle Welt, prügelt sich mit Türstehern und randaliert auch sonst nach Leibeskräften. Dass wir ihn einige Filmminuten später, entführt und angekettet wie ein Hund, im Keller eines Landhauses wiederfinden, scheint auf Anhieb kein vollends unverdientes Schicksal zu sein. Willkommen in Yorkshire!

Bis dahin nähert sich das Drehbuch von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid dem properen Haushalt über den Umweg eines bemerkenswerten Perspektivenwechsels. Die junge Mazedonierin Rina (Monika Frajczik), illegal eingewandert und deshalb erpressbar, bewirbt sich um die Stelle einer Putzfrau. Ihr zukünftiger Arbeitgeber Chris (Stephen Graham), beflissen freundlich und sittenstreng, kettet sie mit einem Knebelvertrag an die Familie. Diese lernt sie bei der Führung durchs Anwesen kennen: zuerst die depressiv-katatonische Hausherrin Kathryn (kaum wiederzuerkennen: Andrea Rise­borough), dann den Sohn Jonathan (Kit Rakusen), der brav lächelt und furchtsame Augen hat, und schließlich den unfreiwilligen Gast im Keller. Eigentlich müsste sie angesichts dieser Menagerie sofort die Flucht ergreifen, aber sie ist, siehe oben, längst an Chris und den Job gebunden.

So werden wir mit ihr zu Zeugen (und schlimmstenfalls Komplizen) der drakonischen Umerziehung, die der wohlmeinende Psychopath seinem Häftling angedeihen lässt. Zuvor war Tommy ein fürchterlich populärer Influencer, der sich nun seine abscheulichen Posts in Dauerschleife anschauen muss, nur unterbrochen von erbaulichen Videos über Friedfertigkeit und Verkehrssicherheit. Ein Schelm, wer darin nicht die Tiktok-Variante der alten Ludovico-Therapie aus »Uhrwerk Orange« erkennt. Tatsächlich kostet Komasa die satirischen Aspekte dieses wohltemperiert britischen Grusels leidlich aus. Ein Machtkampf entbrennt, den er mit stählernem Zynismus inszeniert. Aus dem renitenten, arroganten Rowdy wird bald ein Opportunist, der merkt, wie sich Fenster öffnen. Tommy ist fast ein Wiedergänger des Protagonisten von »Corpus Christi«, der durch harte Arbeit wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden sollte, sich dann jedoch als Priester ausgibt. Tommy entpuppt sich als ebenso geschickter Manipulator, der das namenlose, womöglich selbst verschuldete Trauma, das die Familie heimsucht, für seine Zwecke nutzt. Sein bienenfleißiger Entführer ist indes gewappnet, um die Sühne zu vollenden.

Die Korruption von Familien und anderen Gemeinschaften zieht sich wie ein roter Faden durch Komasas Werk. Gut und Böse sind hier ein weites Feld. Sein Film hält das Tauziehen in mulmiger Ambivalenz. Es wäre ein Leichtes, in Tommys Reformierung eine reaktionäre Fantasie zu sehen. Das Leben draußen scheint keinen Deut besser. Aber eine moralische Freigabe erteilt Komasa diesem Impuls nicht. Er hat eine andere Art von Heilung für seine Charaktere im Blick. Nachvollziehen oder begrüßen muss man die absurde Katharsis nicht. Aber auf die Wahrheit, die sich bei Komasa stets in den Lebenslügen offenbart, kann man hoffen.

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