Kritik zu The North
In der Hoffnung, ihre alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen, begeben sich zwei ehemalige WG-Genossen auf eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands.
Man könnte »The North«, den neuen Film des Niederländers Bart Schrijver, als vorläufigen Höhepunkt eines Roadmovie-Subgenres bezeichnen, das sich schon lange großer Beliebtheit bei Filmemachern erfreut: des Wanderfilms. »Der große Trip – Wild« mit Reese Witherspoon, »Ich bin dann mal weg« nach Hape Kerkeling, »Picknick mit Bären« oder zuletzt »Der Salzpfad« mit Gillian Anderson und Jason Isaacs sind nur ein paar Beispiele.
Was »The North« von anderen Filmen zum Thema unterscheidet, ist seine dramaturgische Radikalität, man könnte auch sagen: Konsequenz. Der schlichte, kontemplative Akt des Wanderns steht hier so klar im Mittelpunkt wie selten. Wir begleiten zwei ehemalige WG-Genossen, den Niederländer Chris und den Spanier Lluis, die sich nach zehn Jahren erstmals wiedersehen und durch eine Wanderung über den rund 350 Kilometer langen Cape Wrath Trail ihre einst enge Freundschaft wiederbeleben wollen.
Natürlich sind der rotblonde Niederländer und der dunkelhaarige Spanier nicht nur äußerlich gegensätzliche Typen, sondern es kristallisiert sich auch heraus, wie unterschiedlich die Lebenswege der Mittdreißiger verlaufen sind. Doch Schrijver deutet das alles nur an, verzichtet nahezu völlig auf Drama oder Konflikte und konzentriert sich ganz auf den Weg der beiden Männer, der hier – natürlich – das Ziel ist. Er schildert die wochenlange Wanderung mit einem unaufgeregten Realismus, der über zwei Stunden eine beinahe meditative Sogwirkung entfaltet. Natürlich lässt sich der mal steinige und mal matschige, mal gerade und mal gewundene Weg metaphorisch lesen, und es ist sicher kein Zufall, dass beide Männer emotional loslassen, wenn sie unmittelbar ans tosende Meer gelangen, die Füße in der Brandung. Aber auch solche symbolhaften Bezüge sind vollkommen unaufdringlich und werden ganz der Assoziation des Zuschauers überlassen.
Auch die imposante Landschaft der schottischen Highlands wird zwar eindrucksvoll, aber nicht plakativ »pittoresk« eingefangen. Schrijvers findet Poesie im Beiläufigen – etwa im Dampf eines Wasserkochers vor Nebelschwaden in der Ferne – und eine Faszination für die alltäglichen Verrichtungen einer solchen »Pilgerreise«. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Sounddesign, das die oft wortlosen Szenen mit einem fein justierten Klanggerüst aus Wind, Schritten, Atmen und dem Stechen der Wanderstöcke unterstützt.
Zu diesem Reiz des Unscheinbaren passt, dass Chris zwar von seinem Job per Handy bis in die Berge hinein verfolgt wird, sich aber immer wieder von der schroffen Schönheit der Natur vereinnahmen lässt, während der ungebundene Lluis den Blick nur auf die nächste Etappe richtet: Der eine sucht Ruhe und Zeit, der andere ein Ziel. Nicht nur das bringt die Freunde zwischenzeitlich auseinander, ganz ohne lauten Streit. Doch der Weg führt sie wieder zusammen, mit neuem Vertrauen ineinander. Und ganz selbstverständlich endet der Film so unspektakulär und fein, wie er begann.




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