Kritik zu Der große Trip – Wild

© 20th Century Fox

2014
Original-Titel: 
Wild
Filmstart in Deutschland: 
15.01.2015
A: 
L: 
115 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Zu Fuß allein unterwegs: Reese Witherspoon nahm sich als Produzentin und Hauptdarstellerin der Reisememoiren von Cheryl Strayed an, der Beschreibung eines Selbstfindungs- und Trauerverarbeitungstrips auf den einsamen Wanderwegen des Pacific Crest Trail

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.333335
3.3 (Stimmen: 3)

Gehen. Nichts weiter. Nichts anderes. Bis sich im ewig gleichen Rechts-Links alles Grübeln zerreibt und hinter der Stirn nichts mehr pocht als der eigene Pulsschlag. Und bis endlich das Eigentliche, der Sinn, die Berufung, des Pudels Kern, was auch immer der Mensch zur Selbstvergewisserung so braucht, glasklar erscheint. Weg gleich Ziel, Leerlauf als Meditation, diese Gleichungen gibt es seit frühester Kulturgeschichte und sie ziehen sich in immer neuer Benennung bis zum Lifestyle der Life-Work-Balancierer durch.

Askese und das Martyrium eines Passionswegs behalten auch ohne spätere Heiligsprechungen ihre Faszination und generieren ein Mitteilungsbedürfnis, das Hape Kerkeling mit Cheryl Strayed teilt. Jakobsweg vs. Pacific Crest Trail. Aus beiden Wandererlebnissen wurden Bücher (»Ich bin dann mal weg«, »Wild: From Lost to Found on the Pacific Crest Trail«), sogar Bestseller und schließlich Filme. Reese Witherspoon hat sich vorausschauend die »Wild«-Rechte gesichert und mit Nick Hornby als Drehbuchautor und Jean-Marc Vallée (Regisseur des oscarnominierten Dallas Buyers Club) auch gleich die garantierte Aufmerksamkeit der Kritik. Nachdem ihr Kalkül zu »Gone Girl« nicht aufging – da hatte sie ebenfalls schnell entschlossen die Filmrechte erworben, musste die Hauptrolle dann aber an Rosamund Pike abgeben – konnte sie sich in Wild erfolgreich selbst casten. Das alles ist von einer Smartness, die Frauen in Hollywood immer noch unbedingt brauchen, wenn sie nicht vor dem 40. Geburtstag an Cocktails aus Appetitzüglern und Amphe­taminen eingehen wollen.

Dass Wild dann doch kein großer Wurf geworden ist, liegt an der geradlinigen und vorhersehbaren Dramaturgie klassischer Läuterungsgeschichten. Die kinotauglichere Fallhöhe liegt hier eher in der tragischen Vorgeschichte. Der Vater ein prügelnder Säufer, die Mutter, »die Liebe meines Lebens«, stirbt viel zu früh an Krebs. Ein Verlust, dem die Tochter mit Drogen und Affärensucht begegnet und dabei ihre Ehe zerstört. Von diesem Nullpunkt geht es los. Allein, mit viel zu schwerem Rucksack, ohne jede Erfahrung drei Monate lang in die Wildnis. Ein Abenteuer, doch eines, das sich im Film nur über die Verlorenheit in einer allen Schmerz absorbierenden Landschaft erschließt. Denn die inneren Prozesse sind schwer zu kadrieren und bieten fürs Kinoauge nicht wirkliche Hingucker. Trotz aller Hin- und Rückblenden, trotz angenehm poriger und ästhetisch runtergedimmter Sexszenen, trotz einer von Witherspoon glaubwürdig dilettantischen, schnaufenden Wanderin zerfällt Wild früh in seine erzählerischen Einzelteile.

Wirklich ärgerlich ist jedoch etwas anderes. Nämlich dass wir in dem Moment, als der Film seiner Heldin einen Mann auf den Leib jagt und sie nur knapp einer Vergewaltigung entgeht, es mit der Figur der Cheryl nicht mehr mit einer echten, in Gottes Namen dann reuigen Schlampe zu tun bekommen, sondern mit einem Opfer. Eine süchtige Borderlinerin am Kreuzweg, eine Maria Magdalena, ein gefallenes, aber gutes Mädchen – und ein Beutetier. In der biblischen Erleuchtungseinsamkeit, die sie mit all den visionierenden Einsiedlern teilt, kann Cheryl eigentlich nur eines bewusst werden: Kein System, keine Unterdrückung, keine Ausbeutung hat sie krank gemacht hat, sondern nur die eigene Schwäche. Eigentlich ist ihr nichts zugestoßen als das Leben selbst mit seinen Härten, seinen biologischen Zyklen und Notwendigkeiten. Und so ist nicht Amerika ihr Problem, nicht sein individualisiertes Glücksversprechen, sondern Cheryls mangelnder Glauben daran. Aber Amerika bleibt ihre Lösung und wenn sie seine atemberaubende Landschaft Stein für Stein durchwandert, lernt, ihr Zelt windfest aufzubauen, Feuer zu machen, mit den Coyoten zu heulen, dann taucht sie tief ein in den romantischen Teil der Westener-Mythen und begrüßt mit Pilgerinbrunst die Weite als spirituellen Freiraum.

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