Apple TV: »Widow's Bay«

»Widow's Bay« (Serie, 2026). © Apple TV

© Apple TV

In dieser stimmungsvoll inszenierten Serie weiß man zuweilen nicht, ob man lachen oder sich fürchten soll

Auf Widow's Bay, einer verschlafenen Insel vor der Küste Neuenglands, geht alles den Bach hinunter. Bürgermeister Tom Loftis (Matthew Rhys) will das marode Eiland zu einem Touristenmagnet im Stil der berühmten Nachbarinsel Martha's Vineyard aufmöbeln. Sein Plan scheint aufzugehen. Nach einem medienwirksamen Artikel strömen Besucher auf die Insel. Dass es hier keinen Handyempfang gibt und WLAN verpönt ist, macht den pittoresken Ort nur noch attraktiver. Doch eingesessene Insulaner warnen vor einem jahrhundertealten Fluch. Bringt Loftis etwa massenhaft Menschen in Gefahr?

Mit dieser Ausgangssituation variiert die ambitionierte Produktion von Apple TV das Mysterymotiv. Davon gibt es eigentlich genug, denn Grusel und Horror sind längst schon ein zentraler Pfeiler der Streamingstrategien. »Widow's Bay« setzt dabei auch humorvolle Akzente. Ob es auf der Insel Kannibalismus gegeben habe, fragt der prominente Reisejournalist. Mit Händen und Füßen wehrt Loftis sich gegen dieses alberne Gerücht. Dummerweise steht er im Heimatkundemuseum direkt vor einem metergroßen Blow-up eines Zeitungsartikels mit der Schlagzeile: »Canibalism in God's House«. Solche heiteren Momente verknüpft die Comedyserie geschickt mit dem Gänsehautgefühl.

Auch dieses Subgenre ist nicht allzu neu. Doch Katie Dippold, die ihren Dialoghumor mit TV-Komödien wie »MADtv« erprobte, entwickelt in »Widow's Bay« Horrorszenarien, die organisch aus psychologisch glaubhaft gezeichneten Figuren erwachsen. Für eine Komödie ist die Erzählweise erstaunlich langsam. Locations werden sorgsam beobachtet. Liebevoll fotografierte Innenräume erscheinen mit ihrer Patina wie aus der Zeit gefallen. Dazu passt, dass es aufgrund des schlechten Empfangs auf der Insel keine Smartphones gibt. Es verdichtet sich der Gesamteindruck eines edel anmutenden »anderen Schauplatzes«.

Neben Rhys als verwitwetem Vater ist die Serie mit einer Reihe markanter Gesichter besetzt, darunter die als Supermans Mutter bekannte K. Callan, die als überforderte Sekretärin an die skurrilen Charaktere aus »Twin Peaks« erinnert. Statt aber wie David Lynch ein surreales Rätselspiel zu inszenieren, fügt »Widow's Bay« gefühlt alle Genreversatzstücke zu einem so noch nicht gesehenen Kaleidoskop des humorvollen Schreckens zusammen. Neben einer Historienepisode im Stil von »Outlander« und einem exhumierten Zombie gibt es ein Wiedersehen mit dem Maskenmonster Michael Myers aus »Halloween«.

Zu einem organischen Ganzen fügen sich diese Versatzstücke dank einem liebevollen Blick auf gut beobachtete Figuren, die den Fluch der Insel auf eine je eigene Art erleben. So zeigt Kate O'Flynn als Assistentin des Bürgermeisters, wie schrecklich es sich anfühlt, wenn man von allen Frauen auf der Insel demonstrativ geschnitten wird. Auf gewitzte Weise gelingt der Serie so die Balance zwischen Splatter-Comedy und stimmungsvoller Gruselatmosphäre.

OV-Trailer

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt