»Kill Bill«: Don't Mess With The Bride

Quentin Tarantinos feministische Seite
»Kill Bill: The Whole Bloody Affair« (2025). © Studiocanal

»Kill Bill: The Whole Bloody Affair« (2025). © Studiocanal

Nur ein Jungsregisseur? Von wegen: reihenweise taffe Frauen. Zum Start von »Kill Bill: The Whole Bloody Affair« würdigt Maxi Braun Quentin Tarantinos feministische Seite

Da steht sie mitten im Raum, in einem gelben Overall, und hält lässig ein Hattori-Hanzo-Schwert in der Hand. Ihre Kleidung, ihr Gesicht, ihr blondes Haar – alles ist mit Blut bespritzt oder eher durchtränkt. Es ist nicht ihres. Ihr Atem ist verhältnismäßig ruhig dafür, dass sie gerade einige Angreifer*innen in einer fulminanten Actionsequenz niedergemetzelt hat. Ihr Blick ist konzentriert, sie scannt ihre Umgebung, jeder Muskel in ihrem drahtigen Körper ist angespannt und bereit, blitzschnell in Aktion zu treten. Der Blick der Kamera ruht auf ihrer Erscheinung, auf der Kinoleinwand in der Totale wirkt sie überlebensgroß.

Uma Thurman ist als »The Bride« eine Ikone der Filmgeschichte. Ich erinnere mich noch genau, wie mich ihr Anblick, ihre Physis, ihre schiere Entschlossenheit und Wut 2003 in den Kinosessel pressten. Ich wollte sein wie sie: stark, geschickt, schnell, überlegen, unaufhaltsam. Zum Kinostart gab es eine relative Einigkeit, dass es sich bei »Kill Bill Vol. 1« und »Vol. 2« um feministisch empowernde Filme handelt. Natürlich war Quentin Tarantino ein Mann, der vielleicht für seine Hauptdarstellerin schwärmte und einen Hang zum Fußfetischismus kultivierte. Und mit seiner Reminiszenz an Martial-Arts-, Kung-Fu-, Exploitation-Filme und den Western rekurrierte er auf nicht ganz so feministische Genres. Aber im Mittelpunkt seiner Revenge-Fantasie stand nicht nur eine furiose und kampferprobte Heroine, sie musste sich gleich mit einem ganzen weiblichen Killerkommando und ein paar ziemlich fiesen Typen anlegen. Für alle, die damals zu jung für die FSK waren und seitdem unter einem Stein geschlafen haben, folgt hier ein Spoiler-Alert.

Denn 23 Jahre später kommt »Kill Bill« nun mit dem Untertitel »The Whole Bloody Affair« als Director's Cut in einer fast fünfstündigen Fassung ins Kino (die nie zuvor auf DVD veröffentlicht wurde und auch nicht veröffentlicht werden soll), vornehmlich auf 35 mm und nur dann als digitale Kopie, wenn ein Kino keinen Projektor besitzt. Es gibt ein paar zusätzliche Szenen, ungeschnitten, einige Abweichungen in Farbe und Musik, und nach dem Abspann sollte man unbedingt sitzen bleiben. Die 70-mm-Version enthält kein zusätzliches Material, tourt aber im April und Mai durch abspielfähige Säle in Deutschland. »Kino only« statt »Kino first«. »The Whole Bloody Affair« verwandelt »Kill Bill« nicht in einen völlig neuen Film, bringt aber die ursprüngliche Intention von Tarantino noch einmal in ihrer ganzen epischen und ästhetischen Opulenz auf die Leinwand.

Im Mittelpunkt steht die Auftragsmörderin Beatrix Kiddo alias »The Bride«. Sie will unter neuer Identität ein bürgerliches Leben beginnen, weil sie ein Kind erwartet. Aber ihre alte Killertruppe, die »Deadly Viper Assassination Squad«, angeführt von ihrem Ex-Liebhaber Bill, der auch der Vater ihres ungeborenen Kindes ist, spürt sie auf. Ihre geplante heimliche Hochzeit in Texas endet in einem Blutbad. Allein Beatrix überlebt mit einer Kugel im Kopf. Als sie nach vier Jahren aus dem Koma erwacht, fasst sie den Plan, unaussprechlich brutale Rache an einfach allen zu nehmen, die ihr Unrecht getan haben.

Seitdem ist viel passiert. Tarantino hat fünf weitere Filme mit mehr oder weniger feministischen Frauenfiguren gedreht. »Death Proof« (2007) – von einer Kollegin einmal zu Recht als »das ultimative Chick Flick« bezeichnet – kulminiert darin, dass drei sehr wütende Frauen einen verrückten Stuntman (Kurt Russell) buchstäblich zu Brei schlagen, was innerhalb der Diegese völlig okay ist, denn er ist ein sadistischer Frauenmörder und hat versucht, das Trio von der Straße zu drängen. »Death Proof« ist auch eine Liebeserklärung an Tarantinos Stuntwoman Zoë Bell, die in Hollywood Karriere machte und in vielen Szenen für Uma Thurman in »Kill Bill« den Kopf hinhielt.

Entscheidender als Tarantinos Werk ist für die heutige Rezeption von »Kill Bill: The Whole Bloody Affair« aber, was abseits der Leinwand geschehen ist. Die Enthüllungen des missbräuchlichen Systems von Harvey Weinstein, #MeToo, die Epstein-Akten und der Fall Gisèle Pelicot, das Erstarken autoritärer, rechter Parteien und Gruppierungen weltweit, aber auch die Ausdifferenzierung feministischer Strömungen haben die Sensibilitäten verschoben.

Wer heute in die Suchmaschine tippt »Is Kill Bill a feminist film?« erhält ziemlich viele Ergebnisse aus den letzten zehn Jahren, die das strikt verneinen. Für die Argumentation wird dabei meist Laura Mulveys ihrerzeit polarisierender Essay »Visual Pleasure and Narrative Cinema« von 1975 herangezogen. Das Konzept des »Male Gaze«, das den begehrenden, aktiven Blick eines männlichen Regisseurs auf ein weibliches passives Objekt der Begierde beschreibt, den dann auch die Betrachter*innen einnehmen, fungierte in der Filmwissenschaft damals als steile These und methodisches Instrument. Buchstäblich als »männlicher Blick« in Opposition zu einem weiblichen, den automatisch jede Regisseurin einnehmen würde, war die Theorie nie gemeint. In dem halben Jahrhundert Filmtheorie seither ist der »Male Gaze« hinreichend dekonstruiert worden.

»Kill Bill: The Whole Bloody Affair« ist auch 2026 ein feministischer und empowernder Film. Das beginnt schon mit der Figurenkonstellation: Das diegetische Universum ist von deutlich mehr Frauen als Männern bevölkert. Und auch wenn ein Geschmäckle von »Charlies Engeln« bleibt, weil Bill als Mastermind im Hintergrund seine Todesschwadronen kontrolliert, sind es verdammt eigensinnige Frauen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen, die uns bei der Abarbeitung von Beatrix' Todesliste vorgestellt werden. Vernita Green (Vivica A. Fox) lebt vier Jahre nach dem Überfall auf Beatrix als Hausfrau und Mutter, Badass O-Ren Ishii (Lucy Liu) ist zum Yakuza-Oberboss in Tokio aufgestiegen. O-Rens rechte Hand ist die kultivierte Franko-Japanerin Sofie (Julie Dreyfus), ihre persönliche Leibwächterin die noch nicht einmal volljährige Gogo (Chiaki Kuriyama). Beim Showdown im »House of the Blue Leaves« inszeniert Tarantino die gefürchtete Gang nicht nur ultracool, O-Ren ist in der finalen Kampfszene eine würdige Endgegnerin der Braut. Elle Driver (Daryl Hannah) arbeitet offenbar weiter als Auftragsmörderin. Sie mag hörig gegenüber Bill wirken, ist aber auch ziemlich durchtrieben und schaltet nicht nur dessen Bruder Budd ohne Zögern aus, sondern drückt auch ein Auge in ihrer Loyalität zu Bill zu, als sie eiskalt ihren Meister Pai Mei (Gordon Liu) vergiftet.

Insgesamt ist es erstaunlich, wie viele unterschiedliche weibliche Lebensentwürfe in Tarantinos filmischem Werk aufgezeigt werden. Die erste Dreiviertelstunde von »Death Proof« zeigt drei Freundinnen, die im Auto durch die Gegend cruisen und über alles Mögliche quatschen. Auch in der zweiten Filmhälfte geht es um ein Trio von Frauen, die sich zum Spaß herumtreiben und nonstop miteinander reden, ohne dass es dabei um Männer geht – Bechdel-Test bestanden, mit Sternchen.

»Jackie Brown« bricht mit den Formeln des Hardboiled-Krimis und feiert mit Pam Grier eine alleinstehende, berufstätige Schwarze Frau jenseits der 50 mit realistischen Körpermaßen, die zupackend ihren Alltag meistert. In »Kill Bill« schließlich werden mit Hochzeit, Schwangerschaft und einer Art metaphorischem Scheidungs- und Sorgerechtsstreit, den Bill und Beatrix ausfechten, viele Lebensstationen aus Sicht einer Frau skizziert. Das war und ist bis heute für einen Film dieses Genres ziemlich ungewöhnlich, insbesondere, wenn es um die Darstellung und den Alltag mit Kindern geht. Vernita Greens Vorstadtrasen ist übersät mit Spielzeug, genau wie ihr Wohnzimmer, die Notfallwaffe ist in der Box mit Cerealien (»Kaboom. Surprise inside«) versteckt. Und als Beatrix Bill schließlich findet, spielen sie einen Abend lang Familie: Bill schmiert Sandwiches, Beatrix guckt mit der Tochter einen Film und deckt sie zu, bevor sie sich mit Bill ein allerletztes Gefecht liefert. Tom Cruise oder Jason Statham habe ich in Actionfilmen noch nie ihr Kind zu Bett bringen sehen. Es gibt sogar eine Art feministische Sisterhood, die das Hauen und Stechen kurz unterbricht: Gerade als Beatrix – auf der Arbeit – ihren positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält, versucht eine andere Killerin, sie auszuschalten. Beatrix überzeugt ihre Angreiferin, sie laufen zu lassen, um ihres Kindes willen, und es entsteht eine Art Komplizinnenschaft.

Dagegen agieren die Männer in »Kill Bill« – bis auf Hattori Hanzo – sexistisch, brutal, gnadenlos. Allerdings zahlen sie alle einen hohen Preis dafür. Angefangen mit dem Pfleger, der die komatöse Beatrix vergewaltigt und ihren bewusstlosen Körper gegen Barzahlung seinen Kumpels feilbietet. Was 2003 eine unfassbar perfide Vorstellung war, ist seit dem Fall Pelicot jedem als real geläufig. Auch Bill (David Carradine) und sein Bruder Budd (Michael Madsen) sind durch und durch verdorbene Typen. Budd reißt sexistische Witze und kommentiert das Aussehen von Beatrix selbst dann, als er ihr zwei Salzladungen aus einer Schrotflinte in die Brust jagt. Der Vorwurf der ästhetischen Sexualisierung, der im Zusammenhang mit »Kill Bill« häufig im Netz und auch in filmwissenschaftlichen Analysen auftaucht, scheint trotzdem weit hergeholt. Außer Füßen gibt es wenig nackte Haut zu sehen, und Beatrix Kiddos legendärer gelber Jumpsuit ist nicht nur ein im Rahmen ihrer Mission funktionales Kleidungsstück, sondern eine Reminiszenz an Bruce Lees letzten Film »Game of Death« von 1978. Bill ist im Grunde nichts anderes als ein enttäuschter Ex, der nicht ertragen konnte, dass seine Frau ihn verlassen hat – Femizid aus Eifersucht. »I overreacted«, gibt er zu, als sie wieder aufeinandertreffen.

Auch die Reduzierung von Beatrix' Motiv auf Mutterliebe wird bisweilen problematisiert. Die feministische Kritik lautet hier, dass der vermeintliche Verlust ihres ungeborenen Kindes sie erst zur Rächerin macht. Vergessen wird bei einer solchen Lesart nicht nur, dass es sich um ein Revenge-Movie handelt, dessen blutiger Rachefeldzug ein starkes Motiv braucht, damit wir der Hauptfigur bei ihrer exzessiven Gewaltorgie folgen, mit ihr sympathisieren und uns mit ihr identifizieren. Außerdem wird in dieser Interpretation unterschlagen, dass Beatrix in der Logik des Films und von Bill selbst gerade für ihren Wunsch nach dem Leben in einer klassischen Kleinfamilie bestraft wird. Bill scheint sich entgegen seiner Natur als gemeiner Mörder offenbar vier Jahre lang gut um die gemeinsame Tochter gekümmert zu haben und hat so väterliche Fürsorge gezeigt. Beatrix hingegen zögert nicht, Vernita Green vor den Augen der Tochter Nikki, im gleichen Alter wie ihr eigenes Kind, zu töten. Wenn sie später einmal selbst Rachegelüste verspüren würde, erklärt sie der Kleinen, könne sie sich jederzeit an sie wenden. Danach lässt sie die Vierjährige allein mit der Leiche zurück. So viel zum Mutterinstinkt.

Diese Szene ist, wie so viele andere in »Kill Bill«, komplett drüber. In der Realität wünschen wir uns Gerechtigkeit durch Strafverfolgung, Wiedergutmachung, vielleicht öffentliche Empörung und Ächtung. Aber »Kill Bill« ist kein Gerichtsdrama, sondern ein Genrefilm. Tarantino rekurriert auf, zitiert und verneigt sich vor Martial Arts, Exploitation, Kung-Fu, Rape Revenge und Western, in deren DNA exzessive Gewalt eingeschrieben ist. Es wird geprügelt, vergewaltigt, es werden Schädel geknackt, Glieder abgehackt. Blutfontänen spritzen, ein Skalp fliegt, Augen werden herausgerissen, Menschen lebendig begraben. Niemand muss das abfeiern, künstlerisch wertvoll finden oder überhaupt ertragen wollen. Aber »Kill Bill« ist eine Rachefantasie, pure Katharsis.

Dass bei einem solchen Film eine Frau im Zentrum steht, war 2003 ein Novum. Nach einem kleinen Boom Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre mit Actionheldinnen in Horror- und Militärfilmen wie »Alien«, »Terminator« oder »G.I. Jane« und den Final Girls des Horror- und Slasherfilms kehrte zunächst wieder Ruhe ein. Erst mit den fortschreitenden Nullerjahren wurden taffe Heldinnen zur Alltagserscheinung: Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen in »Die Tribute von Panem« und Milla Jovovich als Alice im »Resident Evil«-Franchise bedienten unterschiedliche wachsende Publikumssegmente. Angesichts dessen zu fragen, ob Frauen hier einfach nur in die Rolle von Männern schlüpfen, greift zu kurz. Denn ist es nicht ebenso diskriminierend, Frauen – im Film wie im Publikum – zu unterstellen, sie müssten sich weiblicher Verhaltensmuster bedienen? Einen Gesprächskreis gründen? Eine Psychotherapie beginnen? Stopp, Superschurke, lass uns das erst mal diskutieren . . .

Einen faden Beigeschmack hinterlassen allerdings die Produktionsgeschichte des Films und Tarantinos jahrelange Verbindung zu Harvey Weinstein. Tarantino schien dabei lange nur mitgehangen und nicht mitgefangen. Bis Uma Thurman in einem ausführlichen »New York Times«-Interview im Februar 2018 von Übergriffen und sexualisierter Gewalt durch Weinstein berichtete, die Tarantino wie so viele andere als gegeben hingenommen und durch Unterlassung unterstützt hatte. Auch der für Thurman folgenschwere Unfall am Set von »Kill Bill« wirft kein gutes Licht auf Tarantino. Nachdem er sie überredet und gepusht hatte, einen Stunt selbst zu drehen, und dieser schiefging, musste Thurman jahrelang juristisch auf die Herausgabe des Filmmaterials vom Unfall kämpfen. Bis heute hat sie Knieprobleme.

Auch was Queerness anbelangt, ist »Kill Bill« nicht progressiv, was auch daran liegt, dass romantische oder sexuelle Beziehungen egal welcher Orientierung kaum Thema sind. Davon, dass es mal eine Beziehung zwischen Beatrix und Bill gab, zeugt allein die gemeinsame Tochter. Vernitas Ehemann wird nur am Rande erwähnt. Keine andere Figur scheint eine Partnerschaft zu führen. Die zauberhaft-wahnsinnige Gogo rammt einem harmlos wirkenden Verehrer in einer Bar gar ein Messer in den Schritt, nachdem er ihre Frage, ob er mit ihr schlafen wolle, mit einem zaghaften Nicken beantwortet hatte. Überhaupt werden ständig Männer von Frauen mit recht phallischen Schwertern durchbohrt oder auch penetriert. Ein Schelm, wer dabei psychoanalytisch denkt.

»Kill Bill« bleibt so bis heute über den künstlerischen Wert hinaus ein empowernder Film. In den letzten fünfzehn Jahren hat es auch viele Filmemacherinnen zu den deftigeren Genres hingezogen. Julia Ducournau (»Raw«, »Titane«, »Alpha«), Coralie Fargeat (»Revenge«, »The Substance«), Ana Lily Amirpour (»A Girl Walks Home Alone at Night«, »The Bad Batch«, »Cliffhanger«), Noémie Merlant (»Balconettes«) und Aimee Kuge (»Cannibal Mukbang«) haben bewiesen, dass auch Frauen Spaß und Lust an gewalttätigen Exzessen empfinden. Einige von ihnen nennen Tarantino als Inspiration.

Natürlich geht das auch anders. In Emerald Fennells »Promising Young Woman« ist die Rape-Revenge von langer Hand geplant, weniger offensichtlich, perfider. Aber auch wenn die Protagonistin, gespielt von Carey Mulligan, am Ende vielen Männern einen Denkzettel verpasst und das Verbrechen an ihrer Freundin rächt, muss sie ihr eigenes Leben dafür opfern. Beatrix Kiddo hat am Ende von »Kill Bill« ihre To-kill-Liste abgearbeitet und beginnt ein unbeschwertes neues Leben mit ihrer Tochter.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt