Kritik zu A Girl Walks Home Alone at Night

© Koch Media

2014
Original-Titel: 
A Girl Walks Home Alone at Night
Filmstart in Deutschland: 
23.04.2015
L: 
99 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Wenn der Orient und der amerikanische Westen sich in einem Genre-Poem vermischen: Ana Lily Amirpours Debütfilm ist ein iranisches Vampir-Melo, in persischer Sprache entstanden in den USA

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.75
3.8 (Stimmen: 4)

Bad City heißt der Schauplatz des von Ana Lily Amirpour und einem Team mit vornehmlich iranischen Wurzeln gedrehten Films, der im schönsten Kinoformat, nämlich Scope und Schwarzweiß, inszeniert ist. Bad City, das könnte durchaus die iranische Partnerstadt der Comic-Albtraum-Metropole Sin City sein. Nur dass dieses Bad City kleiner und schmutziger ist, provinzieller und südlicher wirkt. Eine Stadt, die freilich ein Traumzustand ist, irgendwo zwischen gestern und morgen gelegen. Ein Grenzort zwischen Realität und Fiktion, inspiriert von den dreckigen Kaffs aus unzähligen Western und Film noirs.

In dieser Stadt, in der die Tage schmerzend hell erscheinen und die Nächte in tiefste Schwärze getaucht sind, lebt der junge Arash (gespielt vom Hamburger Darsteller Arash Marandi). Mit seinem klassischen weißen T-Shirt, seiner Fifties-Frisur und der Sonnenbrille sieht er aus wie der ewige jugendliche Rebell. In einem makellosen Ford Thunderbird cruist er durch die Stadt, ein iranischer James Dean und damit mehr James Dean als James Dean es je war. Arash lebt mit seinem Vater zusammen, der nach dem Verlust der Frau zum Heroin-Junkie geworden ist. Wegen der Sucht des Vaters hat Arash Schulden bei dem brutalen Dealer Saeed. Arash scheint der letzte Unschuldige an diesem Ort der Verdammten zu sein, auch der letzte hoffnungsvolle Mann an einem Ort der zerbrechenden Männlichkeit.

Es gibt noch ein anderes einsames Wesen in Bad City. Ein Mädchen ohne Namen, ein genuines Phantom-Girl, das sich nachts in den Tschador hüllt und auf einem Skateboard durch die urbane Seelenlandschaft surft – auf der Suche nach Opfern und Erlösung. Denn dieses verschleierte Mädchen ohne Namen ist ein Vampir. Mit ihr hat Ana Lily Amirpour mit der irrwitzigen, auch naiven Kraft der Debütantin eine wunderbar rätselhafte Frauenfigur geschaffen. Der Tschador macht das namenlose Mädchen natürlich zu einer bizarren, ethno-religiösen Vampirin, obwohl sie jegliches Interesse an Religion abstreitet. Der Schleier wird zur Schutzhülle, der nach außen auf all die Männer vom kleinen Jungen bis zum desperaten Patriarchen gefährlich wirkt. Eine Fetischkleidung ist das auch, die das Girl vereint mit der Nacht. Auf subversive und doch ernsthafte Weise wird der Schleier hier in die Pop-Mythologie aufgenommen. Unter dem Tschador übrigens trägt das Vampirmädchen ein gestreiftes T-Shirt, das sie wie ein revoltierendes Girl aus der Zeit der Nouvelle Vague aussehen lässt.

Amirpours Film stellt nie den Anspruch, die Rolle der Frau im Iran oder gar im Islam zu kommentieren. Der Film ist vielmehr ein kleines, vielleicht feministisches Meisterwerk der Imagination, das mit Versatzstücken der Filmgeschichte von Jarmusch bis Lynch und der Zeitgeschichte hantiert. Der unschuldige Arash und das gefährliche Girl kommen sich irgendwann näher. In langen Einstellungen, in denen Amirpour die Kunst der Mise en Scène wiederentdeckt, wird die Liebe beschworen als Poesie, Style, Rebellion und Sehnsucht nach dem Anderssein.

... zum Interview mit Ana Lily Amirpour

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