Mubi: »Pompeji: Unter den Wolken«

OmU © MUBI

2025
Original-Titel: 
Sotto le nuvole
Heimkinostart: 
27.03.2026
V: 
L: 
114 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die Dokumentation von Gianfranco Rosi zeigt das Leben um den Vesuv unter der latenten Bedrohung eines Ausbruchs

Das Telefon in der Leitstelle klingelt. Eine Frau meldet ein Beben, eine andere häusliche Gewalt, später fragt ein alter Mann nur nach der Uhrzeit. Gianfranco Rosi eröffnet »Pompeji: Unter den Wolken« aus der nervösen Gegenwart heraus: Stimmen aus Neapel auf der Suche nach Hilfe, jederzeit mit dem nächsten Zittern der Erde rechnend. Draußen liegt der Vesuv im Bild, ruhig und drohend zugleich. Von hier aus entfaltet sich Rosis Panorama einer Region, die unter der Oberfläche permanent in Bewegung ist. Drei Jahre hat der Regisseur rund um Neapel gedreht. Der Film führt in die Ruinen von Pompeji und Herculaneum, wo Archäologen Knochen und Mauern freilegen, und in die illegalen Tunnel von Grabräubern, die nach antiken Fresken graben. Er beobachtet Feuerwehrleute in der Notrufzentrale, begleitet Ermittler unter die Erde. Im Hafen rieselt ukrainisches Getreide aus einem Frachter, während syrische Arbeiter über Krieg und Rückkehr sprechen. Immer wieder taucht der Vesuv im Hintergrund auf – eine Präsenz, die das Leben hier seit Jahrhunderten prägt.

Rosi gehört zu den eigenwilligsten Dokumentarfilmern des Gegenwartskinos. Für »Sacro GRA« erhielt er 2013 als erster Dokumentarfilmer den Goldenen Löwen, »Seefeuer« wurde drei Jahre später mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. »Pompeji: Unter den Wolken« lief im vergangenen Wettbewerb von Venedig, gewann dort den Spezialpreis der Jury und startet hierzulande nun direkt bei Mubi. Rosis Filme verzichten konsequent auf Interviews, Kommentar und erklärende Dramaturgie.

Auch hier bleibt die Kamera beobachtend, oft unbewegt. Rosi filmt selbst und montiert mit großer Geduld eine Folge von Situationen, Räumen und Stimmen, die sich erst allmählich zu einem Bild fügen.

Das Schwarz-Weiß verleiht dieser Welt eine eigentümliche Schwebe. Staub, Dunst, Haut, Stein und Wolken erscheinen wie Teile derselben materiellen Geschichte. In einem Museumslager gleiten Taschenlampen über Köpfe und Torsofragmente; im Hafen weht Getreidestaub über die Körper der Arbeiter und erinnert an die Asche von 79 n. Chr. Rosi denkt in visuellen Rhythmen und Parallelen. Die Anrufe besorgter Bürger wegen Erdstößen hallen in die antike Katastrophe hinein. Grabräuber höhlen Erinnerung aus. Archäologen kämpfen um jedes Fragment. Die sparsame, experimentelle Musik von Daniel Blumberg, teilweise mit Hydrophonen und Geophonen aufgenommen, wirkt weniger wie ein Score als wie ein akustischer Untergrund. Der Vesuv bekommt so eine akustische Präsenz, ohne je spektakulär inszeniert zu werden.

Rosi verbindet diese Fragmente zu einer Meditation über Zeit. Vergangenheit und Gegenwart existieren gleichzeitig: in den Ruinen, in den Gesprächen über Krieg und Migration, in einem verfallenden Kino, in dem alte Filme über Pompeji laufen. Der Film verweigert klare Thesen und vertraut auf die Kraft der Beobachtung. Mit stiller Aufmerksamkeit zeigt er eine Landschaft im Zustand latenter Alarmbereitschaft und Menschen, die darin ihren Alltag organisieren. Ruhig, unheimlich und von eigentümlicher Schönheit.

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