Kritik zu Die Tribute von Panem – The Hunger Games

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Man ahnt, wie sich die Jugendschützer von der »F.A.S« wieder aufplustern werden. Die Verfilmung des aktuellen Fantasy-Buch-Hypes inszeniert Gladiatorenspiele für die Teenager des GNTM-Zeitalters

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Die Kindheit ist von der bürgerlichen Gesellschaft erfunden worden, und die Idee, die dahinter steckt, hat durchaus etwas Zivilisatorisches: dass es nämlich einen Schonraum geben müsste, in dem sich der Mensch frei vom Zwang zur Existenzsicherung überhaupt erst einmal zum Individuum, zur Persönlichkeit entfalten kann. Kinderarbeit und Kinder an der Waffe – das sind Marker geworden für undemokratische Verhältnisse, entwicklungsbedürftige Staaten. Aber vielleicht gibt es auch in der industrialisierten Welt so etwas wie einen schleichenden Verfall der Kindheit, eine Tendenz, die Grenzen des Zumutbaren zu verschieben – an die Tatsache, dass sich bei uns viele Kinder die Schulkantine nicht leisten können, hat man sich gewöhnt, und die These, dass jugendliche Amokläufe etwas mit der »mentalen Aufrüstung« der Massen in der neoliberalen consumer society zu tun haben könnten, ist möglicherweise zu wahr, um sich durchzusetzen.

An diesem Prozess der Verhärtung ist die Populärkultur nicht unbeteiligt. So scheint auf dem Buchmarkt und im Film derzeit das Gewalttabu zu fallen, das lange die Präsentation von Kindern oder genauer: Minderjährigen im Mainstream regelte. Im letzten Jahr haben Produktionen wie das Potter-Finish, wie Super 8 und Transformers 3 ihre Helden mit Leuchtspurgeschossen, Kampfrobotern und Güterwaggons bombardiert. Aber sie wirken niedlich im Vergleich mit der Bestselleradaption Die Tribute von Panem, die aussieht, als hätte man den Klassiker »Herr der Fliegen« zum Ego-Shooter umgerüstet. Natürlich nehmen Suzanne Collins, die Autorin der zur Trilogie angewachsenen Vorlage, und Regisseur Gary Ross (Seabiscuit) für sich in Anspruch, dass sie Kritik üben an dem Mix aus Gewalt und Entertainment, der unsere medial vermittelte Wirklichkeit ist, und man will ihnen lautere Motive nicht absprechen. Fragt sich nur, ob ihre Mittel der Aufgabe gewachsen sind.

Panem ist eine postapokalyptische Version der USA: ein Staat, in dem eine steinreiche städtische Oberschicht das arbeitende Volk mit einer Mischung aus Gladiatorenspielen und Castingshow in Schach hält. Alljährlich müssen die zwölf Distrikte von Panem als Strafe für eine Revolte je zwei Teenager, einen Jungen und ein Mädchen, zu einem mehrwöchigen Geländekampf abstellen, bei dem es nur einen Überlebenden geben kann. Die 16-jährige Katniss Everdeen hat sich »freiwillig «, an Stelle ihrer kleinen Schwester, gemeldet. In einer länglichen Exposition werden sie und der zweite »Tribut« aus ihrem Distrikt, der Bäckerssohn Peeta, mit den Konkurrenten in die Hauptstadt gebracht, aufgefüttert, gesalbt, trainiert und potenziellen Sponsoren ans Herz gelegt. Dann machen sich, in einem Environment, das manipuliert und von Fernsehkameras umstellt ist, 24 Jugendliche ans steinzeitliche Metzeln: mit Messern, Lanzen, selbst geschnitzten Bogen und allem, was die Umgebung so hergibt.

Man kann sich vorstellen, dass dieses schon im Roman provozierende Szenario, in dem Loser und Alphakids, Gangs und Paare immer neue Muster bilden, auf hypertrophe Weise die Alltagserfahrung von Teenagern in einem von Ausgrenzung und Leistungsstress geprägten Erziehungs- und Bildungssystem abbildet. Aber weil es überhaupt kein Draußen, keine Idee von Widerstand gibt – darauf kommen die Bücher erst später –, kann der Film seinen Thrill, seine Schauwerte bloß aus dem beziehen, was er nominell verwirft: faschistische Aufmärsche in der Hauptstadt, die tollen Klamotten, in die Katniss bei öffentlichen Auftritten von ihrem Stylisten gehüllt wird, in Bourne-Manier geschnittene, für einen ab 12 freigegebenen Film sensationell gemeine Kampfszenen und schließlich lange, auf eigene Art voyeuristische Nahaufnahmen vom gequälten Gesicht der aus Winter’s Bone bekannten Jennifer Lawrence. Am Ende weiß die Inszenierung – und das scheint kein bewusst herbeigeführter Effekt zu sein, sondern schieres Unvermögen – sich selbst nicht mehr vom Blick der Überwachungskameras im Wald abzugrenzen. Es ist, als wolle man Hitler mit Leni Riefenstahl austreiben.

Und es hilft auch nicht, dass die Geschichte suggeriert, man könne das System schlagen, indem man authentisch und ganz bei sich bleibt: Das ist genau die Lüge, die uns die Castingshows täglich aufs Auge drücken – eine No-win-situation für alle, die nicht der Norm entsprechen, die nicht wie Katniss »von Natur « schön und fit sind. Einmal hat Panem einen lichten Moment: Was denn wäre, fragt da ein Mädchen, wenn einfach keiner mehr zusehen würde? Dann müssten die Spiele doch aufhören . . .

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