Kritik zu Alpha

© Plaion Pictures

Nach ihrem als Sensation gefeierten zweiten Spielfilm waren die Erwartungen an Julia Ducournaus Nachfolgewerk enorm. Dass die Reaktionen bislang verhalten ausfielen, überrascht dennoch. »Alpha« verbindet gekonnt das Ducournau-typische radikale Körperkino mit ruhigen, melancholischen Tönen.

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Wie schon »Titane« beeindruckt auch Julia Ducournaus neuester Film mit einer Eröffnungssequenz, die ihr Gespür für visuelles Erzählen unter Beweis stellt. Aus einer Gesteinsoberfläche schält sich langsam der Titel des Films heraus, bevor die Kamera in einen der Risse hineinzoomt. Beim Wiederherauszoomen ist aus dem Krater das Einstichloch einer Spritze auf einem Arm geworden, ehe der Film zu den Tönen von Portisheads »Roads« auf eine DIY-Tätowiernadel umschneidet.

Es ist Anfang der 1990er Jahre. Auf einer Party lässt die 13-jährige Alpha (Mélissa Boros) sich volltrunken ein A auf den Oberarm tätowieren. Als ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani), eine Ärztin mit eigener Praxis, das Tattoo entdeckt, ist sie schockiert. Nicht nur wegen des aufmüpfigen Verhaltens ihrer Tochter, sondern auch weil seit einigen Jahren eine mysteriöse Infektionskrankheit grassiert, die über den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen wird und die Betroffenen buchstäblich versteinern lässt. Am Ende gleichen sie von Schimmel befallenen Marmorstatuen. Während die Familie auf die Ergebnisse von Alphas Bluttest wartet, taucht unerwartet ihr drogensüchtiger und bereits infizierter Onkel Amin (Tahar Rahim) auf.

Auch »Alpha« bietet das für Ducournau typische diskursive wie affektgeladene Körperkino, ist allerdings auch ihr bislang ruhigster und melancholischster Film. Während »Raw« und »Titane« mit Szenen arbeiteten, die zartbesaitete Zuschauer:innen zum Wegsehen brachten, wirkt »Alpha« weniger konfrontativ. Die Infizierten stellen als Marker von Vergänglichkeit und Ewigkeit ein ganz eigenes visuelles Faszinosum dar, irgendwo zwischen Zombies und erhabenen antiken Statuen. Statt durch Schock und Ekel entfaltet »Alpha« seine Wirkung aus dem Zusammenwirken von Abstoßung und Anziehung. Besonders eindrücklich ist eine Szene, in der Alphas Mutter den Rücken ihres Bruders untersucht – plötzlich bricht dieser ein, als wäre er ein antikes Gebäude. Dort, wo sie gerade noch Gesteinsproben genommen hat, fließt jetzt Blut. Lebendiges trifft auf Totes. Und wenn die mittlerweile befreundeten Alpha und Amin zusammen aus dem Krankenlager aufbrechen und in die Nacht hinauslaufen, während Nick Cave »And I’m not afraid to die« raunt, dann dürfte das kaum jemanden kaltlassen.

Der Aids-Diskurs, den der Film aufgreift, fügt sich derweil konsequent in Ducournaus bisheriges Werk ein. Schon in ihren früheren Filmen sind Berührungen ambivalent: Sie bedeuten zugleich Heilung und Bedrohung – und was bringt das besser zum Ausdruck als eine todbringende Krankheit, die man sich bei der »schönsten Nebensache der Welt« zuziehen kann? Zugleich greift der Film so das für Ducournau zentrale Thema des Ausgegrenztseins auf. Offen bleibt, ob Alpha wirklich allein aufgrund ihrer möglichen Infektion ausgegrenzt wird oder ob ihre Umwelt diese nur als Legitimation nutzt, um das in ihrem Verhalten leicht burschikos anmutende Mädchen mit den berberischen Wurzeln auszuschließen.

Neben Songs von Portishead und Nick Cave erklingt besonders häufig das Alle­gretto aus Beethovens 7. Sinfonie. Das Werk entstand während der europäischen Befreiungskriege zur Zeit Napoleons und ist laut Beethoven Ausdruck »des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben«. Auch »Alpha« erzählt von solcher Aufopferung. Denn der Film handelt genauso von dem 13-jährigen Teenagermädchen wie von dessen Mutter, die sich mehr und mehr selbst verliert im Einsatz für ihre Patient:innen, ihre Tochter und ihren Bruder. Während Ducournaus frühere Filme eine monströse Weiblichkeit entwarfen, die den patriarchalen Status quo herausfordert, richtet »Alpha« den Blick auf Weiblichkeitsbilder, die mit radikaler Selbstaufopferung verbunden sind. Auch wenn Alpha keine Kannibalin oder Serienmörderin ist wie die Hauptfiguren in »Raw« und »Titane«, fordert sie dennoch auf ihre eigene Art den Status quo heraus – und hinterfragt das Verhalten ihrer Mutter. Ob sie damit Erfolg hat, lässt der Film in einem betörend wie verstörend schönen Schlussbild offen.

 

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