Kritik zu Inglourious Basterds

© Universal Pictures

2009
Original-Titel: 
Inglourious Basterds
Filmstart in Deutschland: 
20.08.2009
Musik: 
L: 
153 Min
FSK: 
16

Selten zuvor hat ein Schauspieler einen Nazi so charmant, so polyglott und so aasig dargestellt wie Christoph Waltz den »Judenjäger « Landa: Tarantino hat seine ganz eigene Sicht der NS-Zeit vorgelegt

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Once upon a time . . . in Nazi-occupied France« – schon die erste Einstellung des Films, ein Titel, ist Programm. Once upon a time in the West hieß Sergio Leones bahnbrechender Spaghetti-Western auf Englisch, dem der deutsche Verleih den Namen Spiel mir das Lied vom Tod verpasste. Die Haltung dieses »Es war einmal« wird in Inglourious Basterds zu einem ganz besonders aberwitzigen Finale führen, und der gesamte Tonfall des Titels deutet an, dass hier einer vorhat, ein nicht ganz ernst gemeintes Spiel zu treiben mit der Realität und dem Kino.

Mit einer Anleihe an den Spaghetti-Western geht es weiter: Ein Auto fährt zu einer Berghütte irgendwo in Frankreich, der SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz), den man in Frankreich den »Judenjäger« nennt, steigt aus und verhört den Vater der Familie. Wobei verhört nicht ganz richtig ist, er parliert – auf Englisch. Wir Zuschauer wissen, dass sich unter den Dielen eine jüdische Familie versteckt hat, und wir ahnen von Anfang an, dass es Landa auch weiß. Rund eine halbe Stunde dauert diese Szene, und sie erinnert in ihrer Langsamkeit an die Eröffnung in Spiel mir das Lied vom Tod, und auch bei Tarantino endet das Geplänkel in einem Massaker, das nur das Mädchen Shosanna überlebt.

Im von den Nazis besetzten Frankreich marodieren auch die Inglourious Basterds, eine jüdisch-amerikanische Truppe, die partisanenmäßig hinter den Linien kämpft. Ihr Anführer ist der Halbindianer Aldo Raine, den Brad Pitt mit einem nahezu unverständlichen Südstaatenakzent gibt. Die Deutschen nennen ihn »Apache«, weil seine Truppe ihre Gefangenen skalpiert, ihnen ein Hakenkreuz mit dem Messer auf die Stirn tätowiert, wenn ihnen der Kopf vorher nicht sowieso von einem Baseballschläger und Sgt. Donny Donowitz (gespielt von Hostel-Regisseur Eli Roth) zermatscht wurde. Der seit Februar in den Kinos und im Netz kursierende Trailer ließ so manches makabre und zynische Schlachtfest vermuten, aber Tarantino entreißt den Basterds gewissermaßen ihren eigenen Film und zentriert ihn nach dem ersten Drittel um. Was auch bedeutet, dass der größte Star des Films, Brad Pitt, zu einer Statistenrolle degradiert wird.

Die geflohene Shosanna (Mélanie Laurent) betreibt mittlerweile unter anderem Namen ein Kino in Paris. Ihr stellt der deutsche Kriegsheld und Schauspieler Frederick Zoller nach, der erreicht, dass sein Kriegsfilm »Stolz der Nation« seine Premiere haben wird im Kino von Shosanna – und dass die ganze Nazi- Führung, Hitler, Goebbels, Göring und Bormann, dabei sein wird. Und weil Martin Bormann wahrscheinlich der unbekannteste der vier Nazi-Größen ist, umkringelt Tarantino kurzerhand seinen Kopf auf der Leinwand und schreibt seinen Namen dazu. Da stoßen die Basterds nun wieder dazu. Shosanna führt ihr Attentat mit den Mitteln des Kinos aus und lässt ihr Filmlager mit den Rollen aus – damals noch – brennbarem Nitrofilm in die Luft gehen, während die Basterds die Nazi-Größen eliminieren.

Ja, Hitler, Göring, Goebbels und Bormann sterben tatsächlich in diesem Film. Dieser Triumph des Kinos ist der schönste Kniff in den Basterds, und man fragt sich, wieso da nicht schon längst jemand draufgekommen ist. Die Liquidation der Nazi-Elite ist, wenn man so will, der Triumph des Kinos über die Realität, der Triumph der Fiktion über die Wirklichkeit aus dem Geist der Illusion. Es ist ja nicht erst seit Operation: Walküre so, dass die Nazizeit und ihre Schrecken herhalten müssen für Genrefilme, das gibt es seit den fünfziger Jahren, aber so radikal wie Tarantino hat noch niemand die Nazis als Spielmasse decouvriert. Und Spielmasse ist alles in diesem Film, mit dem Tarantino seit zehn Jahren schwanger gegangen sein soll. Selbst die Namen, die etwa auf Bernhard Wicki und Edgar G. Ulmer anspielen. Mit dem schlichten Inglorious Bastards von Enzo G. Castellari hat Tarantinos Film jedenfalls wenig gemein.

Rund 150 Minuten hatte die Fassung, die Tarantino in Cannes zeigte und die einige Längen nicht verbergen konnte. Vor dem Weltstart am 20. August soll er noch mal in den Schneideraum gegangen sein. Aber eines dürfte sicher sein: die Szene, in der Hitler und Co. in den Orkus geschickt wurden, ist dringeblieben.

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