Kritik zu Promising Young Woman

© Universal Pictures

Emerald  Fennell versucht in ihrem Regiedebüt eine Art Metakommentar zum Rape-and-Revenge-Genre

Bewertung: 3
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

Mit ihrem Regiedebüt betritt die britische Schauspielerin Emerald  Fennell (u. a. Camilla in »The Crown«) umstrittenes Terrain: Ihr Film »Promising Young Woman« ist eine feministische Metaverarbeitung des kontroversen Rape-and-Revenge-Genres. Frühe Filme dieser Spielart – etwa der berüchtigte »I Spit on Your Grave« (1978) oder Wes Cravens »Das letzte Haus links« (1972) – folgten meist dem Schicksal einer jungen Frau, die nach einer brutalen Vergewaltigung blutrünstige Rache an ihren Peinigern nimmt. Zu Recht wurden die Filme dafür kritisiert, vor allem an der Inszenierung der Vergewaltigungsszenen interessiert zu sein und mit ihrer Darstellung von Selbstjustiz auch reaktionäre Fantasien zu bedienen. Selbst aktuellere Versuche von Regisseurinnen, das Genre aus weiblicher Perspektive neu zu imaginieren, scheiterten oft: Vor zwei Jahren sorgte etwa die Australierin Jennifer Kent mit ihrem ultrabrutalen Beitrag »The Nightingale« für gemischte Reaktionen.

»Promising Young Woman« scheint zu Beginn in eine ähnliche Kerbe zu schlagen. Wir begegnen der Protagonistin Cassandra (Carey Mulligan) in einem Club, sturzbetrunken auf einer Sitzbank liegend. Eine Männer­gruppe beobachtet sie von der Bar aus und ergeht sich in sexistischen Kommentaren. Die lässt sich jetzt leicht abschleppen, so der grundsätzliche Tenor. Einer der drei, Jerry (Adam Brody), bietet der kaum bewegungsfähigen jungen Frau Hilfe an. Er gibt vor, sie sicher nach Hause bringen zu wollen. Kaum im Taxi, wird allerdings seine wahre Absicht deutlich. »Kommst du noch mit zu mir auf ein Bier?«, fragt er scheinheilig. 

Cassandra stimmt zu, und so landet sie völlig betrunken in Jerrys Bett, wo dieser versucht, sie zu vergewaltigen. Plötzlich aber fragt sie ihn mit fester Stimme: »Was machst du da?« Schlagartig wird deutlich, dass Cassandra ihren Zustand nur vorgespielt und sie Jerry in eine Falle gelockt hat. 

Genau in diesem Moment blendet der Film ab und unterläuft so abrupt die Erwartung einer exzessiven Racheszene. Wir sehen nur, wie Cassandra einen Strich in ein kleines Büchlein macht, in dem bereits viele andere Markierungen zu sehen sind. Was ist also passiert? Fennell gibt das erst viel später im Verlauf des Films preis. »Promising Young Woman« widmet sich nun erst einmal dem Alltagsleben der 30-jährigen Protagonistin, die noch bei ihren Eltern wohnt und lustlos in einem kleinen Café kellnert. Diese Erzählstrategie der enttäuschten Erwartungen ist der Kern dieses heterogenen Films: Immer wieder springt der Ton der Handlung zwischen Dramatik und Humor, schlägt Haken und Wendungen. Auch die mal neonbunte, mal nüchterne Inszenierung folgt diesem Muster. Erst ganz am Ende wird klar, welchen Zweck die Regisseurin damit verfolgt, was hier aber nicht verraten werden soll.

Dieses zwischenzeitlich frustrierende, aber zweifellos clevere Spiel mit Genreversatzstücken ist neben der wie üblich grandios spielenden Mulligan der überzeugendste Aspekt des Films. Weniger gelungen sind die hölzernen Dialoge und oberflächlichen Figurenzeichnungen, die »Promising Young Woman« über weite Strecken eher wie eine mittelmäßige Romcom wirken lassen. Dem Film gelingt es nur bedingt, seinen Protagonisten Leben einzuhauchen, und so folgt man den durchweg konstruiert, teils auch schlichtweg unglaubwürdig wirkenden Geschehnissen emotional eher unbeteiligt. 

Generell scheint dieses ambitionierte Debüt zu sehr daran interessiert, sein ­Publikum immer wieder aufs Neue auszutricksen und es am Ende etwas oberlehrerhaft mit den eigenen, problematischen Erwartungshaltungen zu konfrontieren. Was Fennell über das Rape-and-Revenge-Genre zu sagen hat, ist zwar treffend und pointiert, lässt einen Großteil des zweistündigen Films im Nachhinein aber auch überflüssig wirken. Nichtsdestotrotz macht der Film neugierig darauf, was die Regisseurin als Nächstes vorhat.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ob Frau Fennell Fassbinder kennt? Sie spielt wie er mit den Klischees des Genre-Kinos und überzeichnet auf gekonnte Art und Weise die amerikanische (westliche?) Realität wie er damals die deutsche. Zitat RWF: "Das richtige Maß an Übertreibung kommt der Wahrheit oft am nächsten“

Dies erklärt auch die vom Rezensenten wahrgenommen "hölzernen Dialoge und oberflächlichen Figurenzeichnungen". Genau diese Vorwürfe haben manche Kritiker Fassbinder damals auch gemacht, aber das Ganze hatte - wie bei Fennell - Methode (und Sinn!) als deutliche Darstellung von Realität.

Unter diesen Aspekten verstehe ich die drei Sterne für den Film nicht, er hat mehr verdient.

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