Kritik zu Vier minus drei
Berührendes Drama über eine Frau, die ihre Familie verliert und trotz aller Trauer wieder lernt, das Leben zu feiern.
Clowns wollen die Menschen zum Lachen bringen und strahlen doch oft etwas Melancholisches aus. Mit kindlicher Ernsthaftigkeit haben sie einen klaren Blick fürs Wesentliche und scheren sich nicht um Konventionen. Vielmehr spielen sie mit den Erwartungen ihres Publikums. Vielleicht müssen auch die Menschen, die in ein Clownskostüm schlüpfen, diese gegensätzlichen Emotionen in sich vereinen. So wie Barbara (Valerie Pachner) und Heli (Robert Stadlober). Sie arbeitet als Clown in einer Kinderklinik, er auf der Bühne, mit großen Träumen und nicht immer realistischen künstlerischen Ambitionen. Mit ihren beiden kleinen Kindern leben sie fröhlich, liebevoll und voller Fantasie auf einem sehr sanierungsbedürftigen geerbten Hof.
Doch eines Tages gibt es am Bahnübergang einen Unfall mit einem Clownsbus – vermutlich hat Heli wieder viel zu laut mit den Kindern gesungen, Späße gemacht, und dann kam diese Bahn. Heli ist sofort tot, Fini und Thimo sterben wenig später im Krankenhaus. Wie gelähmt ist Barbara, sie verzweifelt an ihrem Leben und droht daran zu zerbrechen. Lange glaubt sie, dass Fini irgendwann zurückkommt, so stark ist ihre Verbindung zu dem kleinen Mädchen auch nach dem Tod. Obsessiv klammert Barbara sich an diesen Gedanken, spürt und sieht Fini. Doch irgendwann beginnt sie, sich ihrem Schicksal zu stellen: »Ich bin am Leben, und ich möchte Teil des ganz normalen Lebens bleiben«, schreibt sie irgendwann an alle ihre Freunde. Die Trauer, der Schmerz und die Liebe verschwinden dabei nicht. Sollen sie auch gar nicht.
Der österreichische Regisseur Adrian Goiginger hat den autobiografischen Roman von Barbara Pachl-Eberhart sanft und ohne Verklärung verfilmt. Barbara will trotz größter Trauer und des unglaublichen Schmerzes an ihrem Glück festhalten, das Gedenken an ihre Familie hochhalten, so wie ihre kleine Familie das Leben gelebt und geliebt hat. Damit verweigert sie sich Erwartungen und Konventionen. Die von Helis Eltern erzkatholisch organisierte Beerdigung lässt sie noch über sich ergehen – den Gang zum Grab aber führt dann eine bunte, laute Clownsparade an. Ganz offensiv legt sie es bei einem Discobesuch auf schnellen Sex an – möglicherweise auch um wieder ein Kind zu bekommen. Barbara will leben – und hat in all ihrer Zerrissenheit das Publikum sofort auf ihrer Seite.
Goiginger erzählt mit Rückblenden vom Vorher und Nachher, stellt dem unsagbaren Schmerz die Ausgelassenheit der Vergangenheit gegenüber, macht die Tragik damit einerseits erträglicher und zugleich umso berührender. Er spart auch Konflikte nicht aus, zeigt umfassend das Leben dieser kleinen Clownsfamilie, in dem bis zu dem Unfall nur wenig Platz für Schlechtes war – auch weil Heli und Barbara das einfach nicht zuließen. Vor allem Heli konnte die Welt nicht nur auf der Bühne in ein riesiges, buntes Zirkuszelt verwandeln. Robert Stadlober spielt ihn glaubwürdig hemdsärmelig. Grandios nuanciert gibt Valerie Pachner die junge Frau voller Lebensmut, die ihre Clownsphilosophie zum Lebensmotto macht.
»Vier minus drei« ist ein eindringlicher, zärtlicher Film der großen Gefühle und kleinen Blicke, der sanften Gesten und stillen Momente. Niemals gleitet Goiginger in Kitsch ab. Stattdessen bleibt er ganz nah bei seiner Hauptfigur, nimmt das Publikum mit in die Gefühlsschwankungen, das Leid und die unbändige Lebensfreude. Er wirft einen frischen Blick auf Trauer und Verlust – ohne zu urteilen und ohne zu verharmlosen. Er feiert das Leben auch im Angesicht des Todes. Er bietet einen versöhnlichen Zugang zum Sterben und erinnert zugleich an die Dankbarkeit, die man für sein Glück haben sollte. Bei der diesjährigen Berlinale feierte der Film Premiere und sorgte dort für einen der emotionalsten Momente des Festivals. Nach der Vorführung sagte Barbara Pachl-Eberhart, sie habe während des Films zahlreiche »Flashbacks der Liebe« erlebt.





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