Kritik zu DJ Ahmet

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Nach dem Tod ihrer Mutter müssen sich zwei Brüder in ihrem Dorf in Nordmazedonien zwischen Tradition und Fortschritt zurechtfinden.

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Nordmazedonien, irgendwo im Land in irgendeinem Dorf. Die Männer haben das Sagen, die Frauen sich zu fügen. Geweint wird nicht, auch wenn die Trauer über den Tod der Mutter und Ehefrau groß ist. Der kleine Naim hat vor Kummer aufgehört zu reden. Sein älterer Bruder, der 15-jährige Ahmet, versucht, ihm liebevoll beizustehen. Dem Vater der beiden ist die Ratlosigkeit angesichts seiner veränderten Rolle als Alleinerziehender anzumerken. Was macht ein Mann, der nicht weiterweiß? Er tut so als ob und greift hart durch: Den verstummten Buben schleppt er zum Schamanen, den Älteren holt er aus der Schule, er soll sich fortan um die Schafe kümmern. Der Schmerz in der kleinen Restfamilie wird auf diese Weise nur größer.

Georgi M. Unkovski – in New York geboren, in Nordmazedonien aufgewachsen, herumgekommen in der Welt – erzählt in seinem nach eigenem Drehbuch entstandenen Langfilmdebüt »DJ Ahmet« von der Herausforderung altehrwürdiger Traditionen durch die modernen Zeiten. Er schildert, wie die digitale Gegenwart die konservativen Sitten und Gebräuche aufmischt, die im hintersten Winkel des armen Landes den Alltag bestimmen. Und er zeigt, wie unauflöslich Vergangenheit und Zukunft bereits ineinandergewoben sind, während die Menschen noch glauben, sie hätten zwischen Fortschritt und Beharren die Entscheidungsfreiheit. Damit ist nicht nur der Imam gemeint, der mit der Zeit gehen und fortan computergesteuert zum Gebet rufen will. Die technischen Tücken, die es zuvor noch zu bewältigen gilt und die Unkovski mit freundlich komischem Effekt in Szene setzt, sind vielmehr nur die Spitze des Eisbergs.

Eines Tages trifft die schöne Aya im entlegenen Dorf ein. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, und der Vater will sie in der alten Heimat verheiraten. Aya lässt sich davon nicht einschüchtern, sie wird schon einen Ausweg finden, meint sie selbstbewusst. Ahmet begegnet ihr bei einem nächtlichen Rave im Wäldchen, der von seinen Schafen tüchtig aufgemischt wird. Er traut seinen Augen und Ohren nicht und verliebt sich in Nullkommanichts, während Naim sich über weibliche Wärme freut. Dass sich da was anbahnt, entgeht auch den Vätern nicht, und die übrigen Dorfbewohner:innen haben sowieso immer Meinungen, die sie ungefragt beisteuern. Beim Herbstfest kommt es zum Skandal, die Patriarchen sehen ihre Autorität infrage gestellt, und aus der resultierenden Eskalation heraus ertönt ein Weckruf, laut genug selbst für ein versteinertes Herz.

Beim Festival in Sundance, wo er 2025 Premiere feierte, wurde »DJ Ahmet« mit dem Publikumspreis ausgezeichnet: Beginn eines Erfolgszuges, den Unkovski nicht zuletzt seinen vor Ort gecasteten Laiendarsteller:innen zu verdanken hat. Sie sorgen mit viel Elan und endlos Charme dafür, dass weder Ethnokitsch noch Fortschrittsarroganz die zentrale Idee dieses liebenswürdigen Films beschädigen. Sie ist so simpel wie alle großen Wahrheiten: Im gegenseitigen Verständnis liegt die Lösung des Problems.

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