Kritik zu Der Tod wird kommen
Entschlossen verfolgen Christoph Hochhäusler und sein Co-Autor Ulrich Peltzer ihr Projekt, eine hiesige Tradition des urbanen Film Noir zu schaffen - wenngleich diesmal auf fremdem Gelände.
Belgien ist beileibe kein Niemandsland. Es bringt großartige Filme hervor. Die dortige Wirklichkeit liefert genug Stoff. Großzügige Steueranreize machen es überdies zu einem begehrten Co-Produzenten. Dennoch ist es im Kino meist das Land dazwischen: eher Transitraum als erzählerischer Fluchtpunkt. Man traut ihm nicht zu, dass es ein Anrecht auf kinohafte Mythen haben könne.
Christoph Hochhäusler ist indes ein Regisseur, auf den namenloses Terrain einen enormen Reiz ausübt. Seit Falscher Bekenner filmt er gern Orte, die unverhofft bespielt werden. Nimmt es also wunder, wenn ihn sein neuer Film ins Nachbarland führt? Der Tod wird kommen folgt den Regeln des französischen Polar, lässt sie aber in der Halb- und Unterwelt Brüssels heimisch werden. Er handelt vom erbitterten Revierkampf zwischen dem Alten und dem Neuen. Die widerspruchsvolle Architektur der belgischen Hauptstadt spielt prächtig mit. Kameramann Reinhold Vorschneider hat bereits in Thomas Arslans Verbrannte Erde einen kühl-präzisen Blick für urbane Nichtorte bewiesen.
Eingangs geht in Luxemburg ein Coup schief, den man zuerst für einen Kunstraub halten könnte, der sich aber als Geldschmuggel entpuppt. Der Kurier wird kurz darauf ermordet. Es muss einen Maulwurf in der Organisation des alternden, todkranken Gangsterbosses Mahr (Louis-Do de Lencquesaing) geben, der den Plan an seinen Gegenspieler de Boer (Marc Limpach) verraten hat. Verdächtige gibt es reichlich. Nun fordern die »Italiener« (mehr muss in diesem wortreich lakonischen Film nicht gesagt werden) ihr Geld zurück. Auf Geheiß von Mahr soll die mysteriöse Auftragskillerin Tez (Sophie Verbeeck, deren Antlitz zuweilen an den jungen Alain Delon erinnert) den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Der unerschrockene, faszinierend kaltblütige Racheengel stößt in ein Labyrinth der Intrigen und brüchigen Loyalitäten vor.
Hochhäusler und Ulrich Peltzer zeichnen das Porträt einer Unterwelt, die sich überlebt hat und dringend den Anschluss zur Moderne sucht. Der ehrgeizige de Boer will das Geschäft mit der Prostitution radikal umkrempeln und ein Virtual-Reality-Bordell errichten. Mahr, ein Verbrecher alter Schule, steht ihm dabei im Weg. So eindeutig sind die Linien zwischen Freund und Feind freilich nicht gezogen, denn es könnte gut sein, dass in Wahrheit andere die Fäden ziehen: de Boers Komplizin und Lebensgefährtin oder aber eine blinde Bordellbesitzerin, deren Geschäftssinn unerbittlich ist. Schon der Prolog, in dem sich die Rückseite eines Renaissancegemäldes als Geldversteck erweist, kündigt das Leitmotiv der Duplizität an: In diesem Spiel hat jeder noch eine zweite Agenda.
Aus dem Filmtitel spricht der notorische Fatalismus des Genres, aber auch er ist mehrdeutig. Hochhäuslers kühle, bei aller Düsternis wachsame Inszenierung schafft unerwartete Freiräume. Die Geschlechterverhältnisse sind zeitgemäß fluide. Die Figuren werden durch ihr Verhältnis zu Tradition und Zukunft charakterisiert. Während ihr Auftraggeber noch auf die Papierform vertraut, bevorzugt Tez die digitale Kommunikation. Auch im Ritual der Männer, ihre Uhren anzulegen, werden sie unterschieden. Seine Smartwatch kommt de Boer in brenzliger Lage sehr zupass.




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