Interview: Florian Zeller über »The Father«

Florian Zeller am Set von »The Father« (2020). © Tobis Film

Florian Zeller am Set von »The Father« (2020). © Tobis Film

epd Film: Ihre Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, in zahlreiche Sprachen übersetzt und international gefeiert. Was hat Sie nun dazu bewogen, mit der Adaption Ihres Dramas »Der Vater« das Medium zu wechseln?

Florian Zeller: Ich schrieb das Stück vor neun Jahren, weil ich in meiner Familie selbst mit Demenz konfrontiert war und als Jugendlicher bei meiner Oma miterlebte, was Erkrankte und deren Angehörige durch­machen. Ich war mir allerdings unsicher, ob sich ein Theaterpublikum einer solchen Erfahrung aussetzen möchte. Die Reaktionen waren aber immer ähnlich: Menschen kamen nach der Vorstellung auf uns zu und teilten ihre eigenen Geschichten, es war oft sehr bewegend. Das Stück hatte offensichtlich etwas Kathartisches, weil sich viele darin wiedererkannten. Ich entschied mich dann, es als Spielfilm zu adaptieren, weil ich durch die Bildsprache den Figuren noch näherkommen konnte. 

Auf der anderen Seite wählen Sie aber die Distanz einer Fremdsprache, drehten auf Englisch statt Französisch.

Als ich anfing, mir den Film vorzustellen, hatte ich sofort ein Gesicht vor dem geistigen Auge: Anthony Hopkins. Nur ihn wollte ich als dementen Vater haben und wegen ihm habe ich die Handlung von Paris nach London verlegt. Ich schrieb dann das Drehbuch zusammen mit Christopher Hampton, der schon meine Theaterstücke ins Englische übertragen hatte. Erst als das Skript fertig war, kontaktierte ich Hopkins' Agentur und bot ihm die Rolle an. Ein paar Wochen später saß ich dann im Flugzeug nach Los Angeles, um ihn zum Frühstück zu treffen.

In Ihrem Film wird Demenz auf eine Art zur immersiven Erfahrung, weil er aus der Sicht des Alten erzählt ist. Es ist nicht klar, was wirklich geschieht und wo ihm seine Wahrnehmung Streiche spielt – und damit uns als Zuschauer. Warum diese Perspektive?

Ich wollte diese Krankheit aus der Innensicht zeigen. Das Publikum wird zum aktiven Teilnehmer, versucht, sich im Labyrinth zurechtzufinden. Was passiert, was ist Einbildung? Es sollte jeden Moment infrage stellen, fast paranoid, und so ein Gefühl dafür bekommen, was es bedeutet, an Demenz zu leiden. Ich spiele mit der Desorientierung des Zuschauers. Das war bereits Teil des Stücks, aber ich wollte es nicht nur eins zu eins reproduzieren, sondern etwas genuin Filmisches schaffen. 

Indem Sie ein Kammerspiel inszenieren?

Wenn man ein Stück adaptiert, wird einem oft das scheinbar Nächstliegende geraten: neue Außenszenen schreiben, den Handlungsraum erweitern. Genau das wollte ich nicht. Wie der Vater verlässt auch der Film das Apartment nicht, das zu einer Art mentalem Raum wird. Mehr noch: Es wird selbst eine Hauptfigur, bekommt ein Eigenleben. Schon beim Schreiben des Drehbuchs ent­wickelte ich den Grundriss der Wohnung. Zu Beginn lernt man die Räume kennen, sieht, wie die Möbel stehen und wo welche Tür ist. Und dann gibt es kleine Ver­änderungen hier und da, eine subtile Metamorphose, und es kommen erste leise Zweifel: Stand das nicht vorhin woanders? Wir drehten alles im ­Studio, ich konnte also leicht Wände entfernen oder Proportionen ändern. Es sollte wie ein Labyrinth wirken, deswegen gibt es auch so viele Türen und Korridore, und jede Kamerafahrt kann eine überraschende Wendung nehmen. 

Wie verändert sich die Arbeit mit den Darstellern, wenn eine Emotion nicht wie im Theater auch noch in Reihe 17 zu sehen sein muss?

Anthony Hopkins und Olivia Colman, die seine Tochter spielt, sind beide sehr instinktive Schauspieler. Ich beschloss, nicht lange mit ihnen zu proben, es sollte so natürlich wie möglich wirken. Wir drehten dann nicht in chronologischer Reihenfolge, und das Set veränderte sich ­dauernd, das war sehr verwirrend, aber so konnten sie sich ganz auf den Moment konzentrieren und jede Szene so wahrhaftig wie möglich spielen. Das funktioniert natürlich nur mit exzellenten Darstellern wie Anthony und Olivia. 

Das Stück ist Teil einer Trilogie, die von Familienstrukturen handelt. Derzeit bereiten Sie mit »The Son« schon den nächsten Teil vor, in dem Hugh Jackman, Vanessa Kirby und Laura Dern die Hauptrollen spielen. Was interessiert Sie an diesen Themen?

Ich kann es nicht genau analysieren. Ich versuche vor allem, meine eigenen Gefühle mit dem Publikum zu teilen, ob auf der Bühne oder der Leinwand. Ich höre in mich hinein und daraus entstehen Figuren und Geschichten. Und ich spiele gern mit Perspektiven und Erinnerungen, echten und falschen, weil ich selbst als Zuschauer gefordert werden will, mich nicht nur berieseln lassen, sondern aktiv das Puzzle zusammensetzen. Auch wenn die Widersprüche nie ganz aufgehen, aber das ist Teil des Vergnügens.

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